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31. Mai 2012

"Leb wohl, meine Königin"

Marie Antoinette, die flatterhafte Königin

Kostümdramen haben Konjunktur. Das zeigt auch Benoît Jacquots Revolutionsfilm "Leb wohl, meine Königin" über Marie Antoinette und ihre Vorleserin.

  1. Einander verbunden: Virginie Ledoyen, Diane Kruger (von links) Foto: dapd

Das Verwechselspiel zwischen Adel und Dienerschaft amüsiert seit über 300 Jahren die französischen Theaterbesucher und lieferte einst auf galante Art einen Vorgeschmack auf die revolutionären Zeiten, die 1789 mit brachialer Gewalt dem höfischen Treiben ein Ende setzen sollten. Marie Antoinettes Vorleserin Sidonie (Léa Seydoux) in "Leb wohl, meine Königin" befindet sich in guter Gesellschaft, wenn sie auch viel zu treu und ehrlich ist für den verdorbenen Hofstaat. An jenem Schicksalsmorgen, dem 14. Juli 1789, schreckt Sidonie morgens um sechs aus dem Schlaf, hat noch nicht die passende Lektüre für ihre Königin parat, Mückenstiche am Arm und – nach einem Sturz auf dem Hofpflaster – Dreck am Rocksaum.

Aus der Domestikenperspektive erzählt dieser etwas schmuddelige Kostümfilm, der am Anfang gärende Tümpel, tote Ratten und die Enge der eigentlich weitläufigen Schlossanlage von Versailles ins Bild rückt, wo sich Hofstaat und Bedienstete die Plätze streitig machen. Umso prachtvoller erscheinen die in goldenen Glanz getauchten Prunkgemächer wie die Kostüme der exzentrischen weltfremden Königin (Diane Kruger), die hoffnungslos verliebt in ihre von jedermann gehasste Gespielin, die Marquise de Polignac (Virginie Ledoyen), zu sein scheint.

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Der Film bleibt Sidonie auf den Fersen, die ihre Königin wie eine Göttin verehrt, in sie verliebt ist bis in den Tod. Sie scheint als Einzige nicht zu verstehen, was vor sich geht, so sehr ist sie in die Stickerei eines Blumenmusters für die neue Robe der Königin vertieft. Zum Staunen ist die Vertrautheit der beiden, die Anteilnahme der Königin am Wohlbefinden der Dienerin, ihr Vergnügen beim gemeinsamen Lesen – erotische Literatur – während die Hofschranzen schon anfangen, den Hofstaat zu plündern und die Koffer zu packen.

Um die königliche Selbstvergessenheit herum brodelt die Gerüchteküche vom Sturz der Bastille, das ganze Schloss scheint nächtens treppauf, treppab in Bewegung. Kerzenschimmer, wie erstmals in Kubricks "Barry Lyndon", verbreitet sein unwiderstehliches Chiaroscuro, jenes Zwielicht, aus dem sich schattenhaft eine neue Gesellschaft formiert. Auch das Tempo des Films, der rastlos durch Gemächer, Gänge und Parkanlagen eilt, ordnet sich der im Aufruhr befindlichen Zeitgeschichte unter. Ähnlich steht es mit der modernen Musik von Bruno Coulais, die sich wie ein Kontrapunkt gegen die höfischen Tänze erhebt und auf Harmonie und Schönheit eindrischt. Marie Antoinettes flatterhafte Egomanie ist das I-Tüpfelchen in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Noch kursieren nur Listen mit den Namen der Opfer, die Köpfe rollen woanders, das Volksgeschrei ist noch fern. Doch wer flüchten kann, ist auf dem Sprung. Sidonie ist unter ihnen, ihr letzter Liebesdienst für ihre Königin ist ein Bauernopfer.

Man kann darüber streiten, warum Kostümfilmen derzeit Konjunktur haben. Chantal Thomas hat ihren Roman im Nachgang zum 11. September geschrieben und verweist auf die Unsicherheit, vor 200 Jahren . Der Regisseur Benoit Jacquot hat sich zum Glück jeder Anspielung auf die heutige Zeit enthalten. Sein Film ist hauptsächlich die psychologische Studie einer Domestikin – und die hat in Léa Seydoux eine anrührende Darstellerin gefunden.
– "Leb wohl, meine Königin (Regie: Benoît Jacquot) läuft in Freiburg.

Autor: Marli Feldvoß