Der Medaillentraum wird Realität

Georg Gulde und dpa

Von Georg Gulde & dpa

Sa, 11. August 2018

Leichtathletik

Die aus Freiburg stammende Marie-Laurence Jungfleisch gewinnt bei der Leichtathletik-EM in Berlin Bronze im Hochsprung.

BERLIN/FREIBURG. Marie-Laurence Jungfleisch, aus Freiburg stammende Hochspringerin, hat erstmals bei einer internationalen Großmeisterschaft eine Medaille gewonnen. Die 27-Jährige holte am Freitagabend in Berlin bei den kontinentalen Titelkämpfen in einem sehr spannenden und zum Teil auch ungewöhnlichen Wettbewerb Bronze mit übersprungenen 1,96 Metern.

Der Wettkampf am Freitag war wie gemalt für die Sonnen- und Wärmespringerin Jungfleisch. Es war warm, aber nicht arg schwül, es war fast windstill, das Olympiastadion war sehr gut gefüllt – und ein Teil ihrer Familie war zum Finale nach Berlin gekommen. So mag es die Hochspringerin, die seit einigen Jahren aus einem einfachen Grund in Stuttgart lebt: Dort gibt’s die besseren Trainingsbedingungen als im Südbadischen, wo unter anderem eine Leichtathletik-Halle fehlt.

Die guten Voraussetzungen wusste die Erzieherin, die nun bei der Bundeswehr ist, zu nutzen. Die Höhen 1,82, 1,87, 1,91, 1,94 und 1,96 Meter nahm sie jeweils im ersten Versuch – und gehörte damit immer zu den Führenden. Nach den überquerten 1,96 Metern, der Einstellung ihrer persönlichen Jahresbestleistung, war sie sogar allein in Front, denn auch Favoritin Maria Lasitskene scheiterte bei dieser Höhe einmal. Drei Athletinnen überquerten schließlich die 1,96 Meter, die Bulgarin Mirele Demirewa erwies sich als große Poker-Frau und ließ die 1,96 Meter aus.

Die nächste Höhe, 1,98 Meter: Wieder verzichtete Demirewa auf ihre Versuche. Lasitskene schaffte es im ersten Versuch, die Litauerin Airine Palsyte und Marie-Laurence Jungfleisch scheiterten zweimal. Dann geschah es: Im Anlauf zum dritten Versuch merkte die Deutsche, dass sie nicht gut zur Latte kommen würde, rannte zurück zur Anlaufmarke. Doch als sie wieder starten wollte, war die Zeit, die sie für einen Versuch zur Verfügung hatte, bereits abgelaufen. Palsyte probierte es auch noch zum dritten Mal, riss aber die Latte. Damit war klar: Marie-Laurence Jungfleisch hatte eine Medaille.

Ob es Silber oder Bronze werden würde, war indes noch offen. Da Demirewa die 2,00 Meter dann aber im dritten Versuch doch noch überquerte, wurde die sechsmalige deutsche Freiluftmeisterin Dritte und holte Bronze. Die Bulgarin belegte hinter der Russin, die wegen der Dopingvergangenheit ihrer Nation als neutrale Athletin anzutreten hatte, den zweiten Rang. Jungfleisch schnappte sich eine deutsche Fahne und ließ glücklich eine Ehrenrunde.

"Endlich habe ich die Medaille. Eigentlich ein Traum. Es hat unglaublich Spaß gemacht hier in Berlin. Das Publikum und meine Familie haben mir richtig Rückhalt gegeben", sagte die Hochspringerin nach dem Wettkampf in der ARD. Und fügte hinzu: "Ich war sehr konzentriert, aber das Warten, ob es Silber oder Bronze wird, hat schon Nerven gekostet." Jungfleisch war als EM-Fünfte von 2014 und 2016, WM-Sechste 2015 und WM-Vierte 2017 schon nahe an den Medaillen dran gewesen, ebenso bei Olympia 2016. Edelmetall gewonnen hatte sie indes noch nie.

Speerwerferin Christin Hussong hat es Olympiasieger Thomas Röhler nachgemacht und ihren ersten ganz großen Titel erobert. Einen Tag nach Röhlers EM-Triumph siegte die 24-Jährige aus Zweibrücken am Freitagabend mit dem Europameisterschafts-Rekord von 67,90 Metern: Die 48 457 Zuschauer im Olympiastadion feierten die achte deutsche Speerwurf-Europameisterin der Geschichte mit tosendem Applaus.

Gleich im ersten Versuch sorgte die Sächsin für klare Verhältnisse. Hussong warf gut sechs Meter weiter als die zweitplatzierte Tschechin Nikola Ogrodnikova (61,85). Bronze ging an die Litauerin Liveta Jasiunaite (61,59). Damit sind jetzt nur zwei deutsche Frauen besser als Hussong: DLV-Rekordhalterin Christina Obergföll (Offenburg/70,20 Meter) und Steffi Nerius (Leverkusen/68,34). Die zweimalige deutsche Meisterin übertraf den EM-Rekord der Griechin Mirela Manjani aus dem Jahr 2002 um 43 Zentimeter.
Schon in der Qualifikation hatte Hussong die Konkurrenz geschockt. Bei 67,29 Metern blieb ihr Speer im Rasen stecken.

Zuvor hatten die deutschen Leichtathleten einen großen Schreck zu verdauen gehabt: Nach einem Autounfall mussten die Siebenkämpferinnen Louisa Grauvogel und Mareike Arndt auf ihren EM-Start in der letzten Disziplin verzichten. "Nach Aussage des DLV-Ärzteteams liegen im Ergebnis der medizinischen Untersuchungen keine schwerwiegenden und nachhaltigen Verletzungen vor", sagte der deutsche Cheftrainer Idriss Gonschinska. Die dritte deutsche Starterin Carolin Schäfer, die Bronze gewann, war nicht beteiligt.

Über 4x400 Meter erreichten die deutschen Männer wie die Frauen als jeweils Sechstschnellster die Endläufe. Sophia Sommer (TV Bahlingen) kam nicht zum Einsatz und wird wohl auch fürs Finale an diesem Samstag nicht nominiert.

EM heute, Finals: 20 Kilometer Gehen Frauen (9.05 Uhr); 20 Kilometer Gehen Männer (10.55); Hochsprung Männer (20); Weitsprung Frauen (20.05); 400 Meter Frauen (20.12); Diskuswurf Frauen (20.20); 800 Meter Männer (20.30); 200 Meter Frauen (20.45); 5000 Meter Männer (20.55); 4x400 Meter Männer (21.30); 4x400 Meter Frauen (21.50). EM morgen, Finals: Marathon Frauen (9.05); Marathon Männer (10); Stabhochsprung Männer (19.10); Hammerwurf Frauen (19.30); Dreisprung Männer (19.55); 1500 Meter Frauen (20); 5000 Meter Frauen (20.15); 3000 Meter Hindernis Frauen (20.55); 4x100 Meter Frauen (21.20); 4x100 Meter Männer (21.35).