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21. Dezember 2011
Dieser Tage am Postschalter
MARKTGEFLÜSTER: Das Stündchen in der Schlange
Es gehört zum Gemeinschaft stiftenden Ritual in der Adventszeit, das wir nicht mehr missen wollen: das Stündchen, das wir vor Weihnachten in der Schlange vor dem Schalter der Hauptpost verbringen. Haben wir also am Wochenende die paar kleinen Gaben, die auf die Reise geschickt werden wollen, liebevoll eingewickelt, mit einem weihnachtlichen Anschreiben versehen und zu einem fachgerechten Päckchen verschnürt. Vor dem Gang zur Post haben wir uns fest vorgenommen, duldsam zu sein und sanftmütig, vielleicht auch mit den Schlangennachbarn ein freundliches Gespräch zu entfachen. So stehen wir nun vorerst ganz hinten, gerade noch im Warmen, und schütteln milde den Kopf über all die Neuankömmlinge, die laut ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Waren die noch nie vor Weihnachten auf der Post? Die einen drehen ab und diskutieren, wo in der Stadt sich wohl sonst noch eine Poststelle befindet (viel Glück!), die anderen stellen sich resigniert hinten an. Wir harren derweil mit vorsätzlicher Geduld. Das geht so lange gut, wie niemand ausschert. Schreitet einer kühn an der Schlange vorbei, wird er mit äußerstem Misstrauen beobachtet: Will der wirklich nur ein Formular aus dem Ständer nehmen? Niemandem wäre in dieser Situation zu raten, sich einen Vorteil zu erschleichen. Der vorweihnachtliche Volkszorn träfe ihn mit Wucht. Auch jene, die es wagten, in dieser angespannten Lage ein Konto zu eröffnen oder eine Überweisung ins Ausland zu tätigen, sollten sich noch wärmer anziehen. Die Wartenden billigen jedem, der sich nach vorne durchgewartet hat, die Zeit zu, einige Päckchen messen, wiegen und frankieren zu lassen. Mehr nicht! Wehe, einer hält die Regeln nicht ein – ein unerkanntes Entrinnen gibt es nicht. Wer fertig ist, muss schließlich wieder an der Schlange mit den vielen Köpfen und doppelt so vielen Augen vorbei. Ein Rat: Wer sich für das Fest der Liebe in Stimmung bringen möchte, dem sei ein Besuch der Hauptpost im Vorfeld der Feiertage dringend ans Herz gelegt.
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Autor: seh
