Klassik

Martha Argerich (Klavier) und die Kremerata Baltica spielten in Freiburg

Johannes Adam

Von Johannes Adam

So, 15. April 2018 um 20:30 Uhr

Klassik

Temperament und Feinsinn: Sie bestimmen das Spiel Martha Argerichs. Jetzt konzertierte die Weltklassepianistin mit der Kremerata Baltica bei den Freiburger Albert-Konzerten.

Ungewöhnlich: Erst ganz am Schluss des ausverkauften Freiburger Albert-Konzerthaus-Abends kam der Star. Martha Argerich war die Solistin im heroischen Es-Dur-Klavierkonzert von Franz Liszt. Mit Temperament und Feinsinn, Pranke und Noblesse unterstrich die 76-Jährige in aller Deutlichkeit, dass sie nach wie vor auf der Höhe ihrer Kunst ist. Akkordik, Oktaven, überhaupt die von diesem Klavierpapst des 19. Jahrhunderts hier eingeforderte akrobatisch-stählerne Virtuosität: Das hatte Feuer und Format, man vernahm eine enorme Trefferquote. Fast noch intensiver berührte indes der von der Pianistin immer wieder nahtlos vollzogene Wechsel aufs Feld der seelisch bewegten Lyrik. Da sind auch die kleinen Noten mehr als nur Flitter und Zierrat. Die Farben, die Leichtigkeit, die humane Gegenwelt: im klingenden Resultat eine Wonne!

Liszts Werk in der ausgebeinten Orchesterversion von Gilles Colliard – das bedeutete primär: völlig ohne Bläser. Etwaige Befürchtungen erwiesen sich allerdings als unbegründet, das Orchester könne da im Wettstreit mit der vom Komponisten inszenierten Klavierwucht womöglich nur zweiter Sieger sein. Die durchweg souveränen Streicher der Kremerata Baltica hielten – auch ohne ihren prominenten Gründer und Namensgeber – mannhaft dagegen. Natürlich war das für dieses Opus mit dem Bei- oder Spitznamen "Triangel"-Konzert unverzichtbare metallene Perkussionsinstrument zur Stelle. Man erlebte ein Klavierfeuerwerk mit Triangel. Als eine so romantische wie willkommene Zugabe bot Martha Argerich sehr schön Robert Schumanns Rückert-Lied "Widmung" ("Du meine Seele, du mein Herz", original in As-Dur) aus der Kollektion "Myrthen" in der Tastentranskription Liszts. Schumanns Vortragsanweisung "Innig, lebhaft" hätte sogar auf manche Teile des Hauptacts gepasst, eben auf Liszts extrovertiertes Solokonzert.

Dass die Kremerata Baltica eine erstklassige Streicherformation internationalen Zuschnitts ist: Man hörte es an diesem Abend immer wieder. Der Klang: beweglich, expressiv, warm und rund. Beispiel: Felix Mendelssohn Bartholdys Es-Dur-Oktett op. 20, jener berühmte Geniestreich des 16-Jährigen, der jetzt in der Fassung für Kammerorchester auf dem Programm stand. Hieraus das flirrende Scherzo als Exempel für orchestrale Virtuosität: wunderbar! Einzig beim Kopfsatz glaubte man Einbußen hinnehmen zu müssen: Lag dies an der Einhörphase, oder wirkt die vom jugendlichen Komponisten bewusst zwischen Kammermusik und Sinfonik angesiedelte originale Oktett-Version nicht doch ein wenig unmittelbarer, direkter? Das mag Geschmackssache sein.

Zumindest vorsichtige Einwände auch ob der nun vorgeführten Praxis des Arrangeurs Victor Kissine, Werke von Chopin einem Streichorchester zu übertragen. Kann das bei einer Musik, die wie die von Chopin derart stark auf die Ausdrucksspezifika des Klaviers fokussiert ist, überhaupt funktionieren? Mit Abstrichen. Gewiss, werktypische Melancholie war zu konstatieren. Da hatte die a-Moll-Mazurka op. 17 Nr. 4 (Solovioline: Konzertmeister Džeraldas Bidva) zwar Ausdruck und Gefühl, und beim E-Dur-Nocturne op. 62 Nr. 2 gefielen die Abstufungen des Leisen. Chopin auf den Tasten jedoch ist kaum zu übertreffen...

Wem der Name des estnischen Komponisten Lepo Sumera (1950–2000) noch unbekannt gewesen sein sollte, konnte die Lücke an diesem Abend schließen. "Symphone" für Streicher und Percussion von 1998 ist ein Zehnminüter, der Aktionismus und Ruhe auf eigene Weise vereinigt. Wo Melodik zutage tritt, ist sie beinah russisch. Die sanften Percussion-Zutaten erinnern an Fingerschnippen. Dass und insbesondere wie sich die Kremerata Baltica für diese Musik einsetzt, verdient Beachtung.