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25. Juni 2012

Zürich

Marthalers "Glaube Liebe Hoffnung": Ein großer Totentanz

Christoph Marthalers Inszenierung von Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" ist in Zürich zu sehen.

  1. Theater Zürich: Glaube. Liebe, Hoffnung. Regie: Christoph Marthaler Foto: Walter Mair

Ödön von Horváth hat sein 1932 in der Weltwirtschaftskrise mit Hilfe des Gerichtsreporters Lukas Kristl entstandenes, für die Uraufführung dann von den Nazis verbotenes Stück "Glaube Liebe Hoffnung" einen "kleinen Totentanz" genannt. Christoph Marthaler, der den österreichisch-ungarischen Dichter so liebt, dass er ihn nun schon zum vierten Mal inszeniert hat, macht einen großen Totentanz daraus: statt sozialkritischer Anklage – in der hart und schnell geschnittenen Abwärtsspirale des Leidenswegs der blutjungen Elisabeth – ein Requiem mit langem, immer wieder ersterbendem Atem auf alle alleinstehenden Fräuleins dieser Welt, die trotz Tapferkeit und Arbeitswillen von den am Machtpol sitzenden Männern dieser Welt in den Ruin und in den Tod getrieben werden. In Wien, wo die fast vierstündige Aufführung bei den Festwochen Premiere feierte, erntete der Schweizer Regisseur zur Pause ein wütendes Buhkonzert. In Zürich, wo "Glaube Liebe Hoffnung" jetzt im Rahmen der Festspiele gezeigt wird, feierte man Marthaler mit uneidgenössischem Getrampel so heftig, als müsse den Österreichern mit einem Gegentor Paroli geboten werden. Ob man diesen schweizerisch entschleunigten Horváth mag: Das ist vielleicht auch eine Mentalitätsfrage.

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Schon der Anfang fordert Geduld: Ein junger Mann im Blaumann schleppt umständlich eine Leiter auf Anna Viebrocks wieder besonders phantastische Bühne, zugleich Außen- wie Innenraum, ausschließende Gebäudefassade und ausgestellte, vor dem gesellschaftlichen Zugriff ungeschützte Intimität. Mit gebührender Gemächlichkeit bemüht sich Thomas Wodianka, fehlende Lettern auf dem Frontispiz zu ersetzen: Als er dem INST die Buchstaben ANAT. M hinzufügt hat, brechen Sprossen weg: ein Marthalergag. Man weiß jetzt Bescheid. Und schon – nein: noch nicht. Am Orchestergraben macht sich ein Mann mit streng zurückgegeltem Haar und altmodischer Intellektuellenbrille zu schaffen. Die Stühle für die Musiker sind – und bleiben leer. Auf den zweiten Blick sieht man Lautsprecher auf den Polstern. Wie von fern wehen erste fragmentierte Töne heran. Dann dirigiert Clemens Sienknecht mit dem Rücken zum Graben sein unsichtbares Orchester: Aus gegebenem Anlass Schubert, "Der Tod und das Mädchen", mit den von Sienknecht immer wieder am Piano angespielten wuchtigen Akkorden des Marche funèbre aus Chopins Klaviersonate Nr. 2 das Leitmotiv des Abends.

Diese Klänge nehmen einen mit in den schönen Schmerz der Sterblichen. Die aber leben wollen wie Elisabeth, die aus akutem Geldmangel dem anatomischen Institut zu Lebzeiten ihren Körper verkaufen will. Elisabeth gibt es bei Marthaler doppelt: in Gestalt der zarten, wunderbar staunend widerständigen Olivia Grigolli und der handfest naiven jüngeren Sasha Rau: Als ob der Regisseur die Last der Rolle auf zwei Schultern verteilen wollte, damit Elisabeth im niederschmetternden Kampf mit den Verhältnissen Halt an sich selber finden könnte. Elisabeth kommt und klingelt und geht und kommt und klingelt und geht. Die vierfache Wiederholung der Szene setzt auf das Typische von Macht und Ohnmacht: Immer wieder treten Jean-Pierre Cornus spießig-sentimentaler Präparator und Josef Ostendorfs knödelig-jovialer Oberpräparator wie Spieluhrfiguren der doppelten Elisabeth in die Laufrichtung. Gegen diese opportunistisch staatstragende, heimlichgeile versammelte Männlichkeit ist kein Ankommen.

Es wird

viel gesungen

Es ist ein Abend der – gestandenen – Schauspieler: Bettina Stucky, lustvoll drall wie eh und je, gibt mit genüsslicher Gemeinheit die Korsettladenbesitzerin Irene Prantl. Irm Hermann, die immer schon so alt war wie heute, ist eine großartige Frau Amtsgerichtsrat: immer verlogen auf der Seite der Schwachen. Ueli Jäggi macht als Elisabeths Beinaheverlobter Alfons Klostermeyer mit hellblonder Perücke eine bedauernswert trauerkloßige, in Selbstmitleid ertrinkende Figur. Dass sie alle mit Marthaler in die Jahre gekommen (und eigentlich zu alt für ihre Rollen) sind, macht nichts. Im Gegenteil: Angesichts der Jugendversessenheit des deutschsprachigen Theaters ist diese Versammlung reiferer Bühnenpersönlichkeiten geradezu eine Wohltat. Gesungen wird natürlich, wie immer bei Marthaler, viel. Vom Schlager bis zum Bach-Choral, von der Operette bis zum Chanson bis zum Volkslied. Wenn das Kollektiv an der Brüstung lehnt und "Ich hatt’ einen Kameraden" vom Pianissimo ins Fortissimo hinaufschraubt, während im Hintergrund Schüsse fallen, dann ist die totalitäre Ausweitung der ausgrenzenden Gewalt des gesellschaftlichen Systems, die bei Horváth ihre alltäglichen (Frauen-)Opfer fordert, zum Greifen nah – und Marthalers Inszenierung hat hier ihre bösesten, genauesten Momente.

Nein: Horvaths hoffnungslosestes und tragischstes Drama wird in der grandiosen musikalischen Fassung von Christoph Marthaler nicht weichgespült. Die Mühlen menschlicher Niedertracht mahlen langsamer und lauernder, aber umso unerbittlicher. Nur enden kann diese Aufführung nicht, die Selbstmörderin aus Hunger muss lange sterben. Zuletzt krabbelt die eine Wasserleiche zur anderen ins Bett, um einander zu wärmen. Fräuleins dieser Welt, vereinigt euch? Und dann wären wir endlich in Arkadien? Horváths nachgelassene Zauberposse "Himmelwärts" schlägt etwas anderes vor: "Wir bilden nur mehr einen Gesangsverein." Das ist das Paradies für Christoph Marthaler.
– Weitere Termine: 26., 27., und 28. Juni. Karten: Tel. +41 (0)44 258 77 77.

Autor: Bettina Schulte


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