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13. Juli 2012

Impulse für familienfreundliche Unternehmen

Einstieg zur Vorbereitung eines Lokalen Bündnisses Mittleres Wiesental / Verbesserte Strukturen in Betrieben helfen bei der Suche nach qualifizierten Kräften.

  1. Impuls für mehr Familienfreundlichkeit: Christine Stöcker und ihre Kinder Léo und Ella profitieren von den Krippenplätzen, die GP Grenzach Produktions GmbH den Mitarbeitern anbietet. Foto: Privat

  2. Nicht nur Hausens Bürgermeister Martin Bühler (Zweiter von links) kam ins Gespräch mit (von rechts) Andrea Lutz, Christian Baumann und Anne Dreysel. Foto: Marlies Jung-Knoblich

MAULBURG/WIESENTAL. 70 Prozent der Unternehmen haben Probleme, ihre freien Stellen zu besetzen. Die Nähe zur Schweiz macht es in der Region zusätzlich schwer, jungen qualifizierten Kräften Anreize zu schaffen, sich dauerhaft für einen Betrieb zu entscheiden. Umso wichtiger sei es, Impulse zu setzen für mehr Familienfreundlichkeit im Wiesental, sagte Maulburgs Bürgermeister Jürgen Multner eingangs der Impulsveranstaltung "Lokales Bündnis für Familie im Wiesental" am Mittwoch in der Alemannenhalle.

Es müssten Rahmenbedingungen im Mittleren Wiesental geschaffen werden, denn Familienfreundlichkeit sei inzwischen ein "knallharter Standortfaktor", so Bürgermeister Multner. Das Lebensumfeld habe bei der Entscheidung für oder gegen ein Stellenangebot ein hohes Gewicht, "wir konkurrieren hier mit Ballungsräumen und Großstädten wie München oder Frankfurt". Dabei definierte Multner Familienfreundlichkeit vom Kleinkind bis zur häuslichen Pflege. Kommunen und Unternehmen seien hier gleichermaßen gefordert.

Spannendster Referent des Abends war Christian Baumann, Geschäftsführer von GP Grenzach Produktions GmbH Supply Center Grenzach, ein Pharmaunternehmen mit 600 Mitarbeitern. Der Betrieb wurde jüngst erneut als familienfreundlichstes Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Vor dem Hintergrund, dass heutige Mütter, aber auch Väter, mehr Zeit für ihre Familie haben wollen – hat das Grenzacher Unternehmen flexible Arbeitszeiten realisiert. Auch bietet GP Krippen- und Kindergartenplätze sowie eine zwölfwöchige Ferienbetreuung bis hin zur Hausaufgabenbetreuung an. Die Mitarbeiter, die den Service in Anspruch nehmen, beteiligen sich an der Finanzierung, doch den überwiegenden Teil übernimmt der Betrieb. Andere Firmen und die Kommune sitzen mit im Boot, erzählte Christian Baumann.

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Die flexible Arbeitszeitgestaltung werde durch Gleitzeit für tarifliche Mitarbeiter erreicht und für Mitarbeiter ohne Kernarbeitszeit über ein sogenanntes Ampelkonto erreicht. Für außertarifliche Mitarbeiter gebe es eine Vertrauensarbeitszeit, erzählte Christian Baumann.

Das Unternehmen habe früh erkannt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie ein familienfreundliches und gesundheitsbewusstes Arbeitsfeld Mitarbeiter motiviere, die Leistung erhöhe und sie an den Betrieb binde. Umfragen unter den Mitarbeitern haben das bestätigt. "Wir haben über 120 individuelle Teilzeit und Schichtmodelle auf allen Ebenen", verdeutlichte Baumann. Darunter auch das Modell, dass sich Mitarbeiter einen Arbeitsplatz teilen.

Ganz wichtig sei dabei, dass die Betriebsleitung den Rahmen definiert, warnte Baumann. Klare Aussagen seien bei aller Flexibilität erforderlich, denn der Betrieb dürfe nicht verwaisen. Auch wenn zu Hause gearbeitet wird – eine Frage des Vertrauens – dürfe die Kommunikation innerhalb des Betriebs nicht etwa nur über Telefon oder Computer laufen. Ganz wichtig sei es zudem, zum Beispiel während der Elternzeit, den Kontakt zu halten. Vertretungseinsätze mit Hilfe des Betriebs, wenn es an der Kinderbetreuung hängt, seien denkbar und möglich, auch gibt es bei der GP Grenzach einen Einarbeitungsplan nach der Rückkehr aus der einjährigen Elternzeit.

Der Betrieb treffe die Entscheidung für ein familienfreundliches Unternehmen, erklärte Baumann. "Man muss es leben und darf es in einer Wirtschaftsflaute nicht gleich über Bord werfen". Die Erfolge, warnte der Referent, stellen sich allerdings erst mittel- und langfristig ein. Im Konkurrenzgebiet zur Schweiz könne mit so einem Konzept aber gepunktet werden. Genauso sieht es Anne Dreysel, Projektreferentin des Netzwerkbüros "Erfolgsfaktor Familie" in Berlin. Mit einem intelligenten familienfreundlichen Konzept sei es möglich, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Sie zeigte Beispiele, wie flexible Arbeitszeitgestaltung oder Jobsharing machbar sind. Mit einbezogen werden müsse die Pflege von Angehörigen, die zunehmend wichtiger werde und nicht dazu führen dürfe, dass wichtige Mitarbeiter verloren gehen.

Andrea Lutz, Wirtschaftsbeauftragte des Landkreises Lörrach und stellvertretende Geschäftsführerin der Wirtschaftsregion Südwest, motivierte die Unternehmen, ein "Lokales Bündnis Mittleres Wiesental" zu gründen. Erfahrungen sammeln bereits die Lokalen Bündnisse Rheinfelden, Weil und "generationenfreundlicher Landkreis Lörrach". Die Bündnisse seien miteinander vernetzt. Die Impulsveranstaltung habe klar gemacht, dass es nicht nur um Eltern mit Kindern, sondern auch um die häusliche Pflege gehe. Ein Thema, das forcierter angegangen werden müsse.

LOKALES BÜNDNIS

Rund 20 Unternehmen zeigten bei der Impuls-Veranstaltung Interesse an der Gründung eines Lokalen Bündnisses Mittleres Wiesental für mehr Familienfreundlichkeit.

Kontakt: Wer sich gern beteiligt hätte, an dem Abend aber nicht konnte, kann sich bei der Wirtschaftsregion Südwest ( 07621-5500150) oder beim jeweiligen Bürgermeister der Gemeinde melden. Die Kosten von schätzungsweise 7000 Euro im Jahr (Moderation) werden umgelegt.  

Autor: mj

Autor: Marlies Jung-Knoblich