Medizinwissen

Steigt die Geburtenrate nach einem Stromausfall?

Dennis Wolf

Von Dennis Wolf

Di, 07. November 2017 um 11:11 Uhr

Medizinmythen

Der Strom fällt aus, es ist dunkel, die Glotze geht nicht mehr – was tun Menschen dann? Babys zeugen! So besagt es die Legende: Was ist dran?

Wenn in den Großstädten plötzlich die Lichter ausgehen, scheinen deren Bewohner nichts anderes im Sinn zu haben, als in die Betten zu springen und Kinder zu zeugen. Die Folgen eines jeden Stromausfalls werden schließlich exakt neun Monate später sichtbar, so sagt es die Legende – mit einem sprunghaften Anstieg der Geburtenrate. Was romantisch-verträumt klingt, ist medizinisch leider jedoch keineswegs haltbar.

Der Zusammenhang Stromausfall und Schäferstündchen ist entgegen der Annahme nämlich keineswegs bewiesen. Zurück geht der Glaube wahrscheinlich auf den Ur-Stromausfall der neueren Geschichte, als weite Teile des Nordostens der USA im Jahr 1965 für mehr als 14 Stunden von der Stromversorgung abgeschnitten waren. Was den betroffenen 30 Millionen Amerikanern in dieser Zeit in den Sinn gekommen sein mag, glaubte ein Reporter der New York Times exakt neun Monate später herausgefunden zu haben. Er bemerkte einen ungewöhnlichen Anstieg der Geburtenrate in einigen Krankenhäusern, etwa am Mount Sinai Hospital in Manhattan.

Dort wurden an einem einzigen Tag statt der üblichen elf Geburten 28 registriert. In anderen Häusern soll es ähnlich ausgesehen haben. Ein Mythos war geboren. Eine Studie des Wissenschaftlers J. Richard Udry widerlegte diesen jedoch bereits 1970. Für das Fachblatt Demography untersuchte er den angeblichen Anstieg der Geburtenrate, konnte aber lediglich Häufungen in einzelnen Krankenhäusern feststellen, die durch niedrigere Zahlen in anderen Kliniken wieder ausgeglichen wurden. Es handelte sich also wohl eher um einen Zufall als um einen echten Zusammenhang.