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23. Juli 2011 09:22 Uhr

Terrorismus

Inzwischen 92 Tote bei Anschlägen in Norwegen – Täter kommt aus rechter Szene – "Nationale Tragödie"

Es ist ein Schock für das liberale und offene Norwege: Ein rechtsradikal motivierter Täter, der festgenommen werden konnte, hat fast 100 Menschen getötet. Er hat inzwischen ein Teilgeständnis abgelegt. Ein möglicher Komplize wurde verhaftet.

  1. Trauer und Mitgefühl in ganz Europa: In Berlin legt eine Frau Blumen an der norwegischen Botschaft nieder. Foto: dpa

  2. Der Wohnblock, in dem der mutmaßliche Täter lebte. Foto: dpa

  3. Sondereinheiten der Polizei stürmen die Insel. Jugendliche haben hinter einem Mauervorsprung Schutz gesucht. Foto: AFP

  4. Tatort Oslo: Die Front des Regierungsgebäudes ist zerstört. Foto: dpa

  5. Unter Schock, aber um Fassung bemüht: Ministerpräsident Stoltenberg Foto: AFP

  6. Polizisten führen einen Verdächtigen ab, der mit einem Messer aufgegriffen wurde. Er fühle sich damit sicherer, sagte er. Foto: dpa

Bei den Terroranschlägen in Norwegen hat es weit mehr Tote gegeben als zunächst angenommen. Nach Angaben der Polizei kamen mindestens 92 Menschen ums Leben. Allein 85 Todesopfer wurden nach dem Massaker in einem von der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF organisierten Jugendsommerlager auf der Insel Utøya unweit der Hauptstadt Oslo geborgen. Bei einer vorangegangenen Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel starben sieben Menschen (Fotos). Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Polizei schließt nicht aus, dass sich die Opferzahl noch weiter erhöhen könnte. Im See um die Insel Utøya werde nach weiteren Opfern gesucht (Fotos).

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Zwei Schusswaffen wurden sichergestellt

Weltweit löste der Doppelanschlag, der nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei in Oslo von einem 32-jährigen Norweger verübt wurde, Entsetzen aus. Der festgenommene Anders Behring Breivik wird der rechten Szene zugeordnet und soll "christlich-fundamentalistisch" orientiert sein. Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt. Bis zum Samstagmittag hieß es, der am Freitag festgenommene Breivik soll als Einzeltäter gehandelt haben – nun aber prüft die Polizei, ob es möglicherweise auch noch einen zweiten Täter oder Mitwisser gibt. Als Hintergrund wurden die Angaben von Augenzeugen genannt. Kriposprecher Einar Aas sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Verdens Gang": "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären."

Über den Ablauf des schrecklichen Geschehens im Jugendlager auf Utøya und die möglichen Hintergründe des mutmaßlichen Täters wollte die Polizei auf einer Pressekonferenz am Samstagmorgen in Oslo keine Einzelheiten nennen. Inzwischen aber bestätigte die norwegische Polizei, dass ein Teilgeständnis vorliege. Zu seinem Motiv äußerte er sich jedoch nicht.

Die Osloer Innenstadt, wo die Explosion große Zerstörungen angerichtet hat, wurde am Samstag vom Militär gesichert. Die Einheiten sollten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel absichern, sagte Ministerpräsident Stoltenberg.

Oslo, eine Geisterstadt

Die Aufforderung an alle Bürger, sich aus der Innenstadt fernzuhalten, wurde aber wieder aufgehoben. Die norwegische Flagge wehte an allen öffentlichen Gebäuden auf halbmast. Die von dem Anschlag besonders schwer getroffenen Teile des Zentrums waren am Morgen fast menschenleer. "Das ist heute wie in einer Geisterstadt", sagte auch der 17 Jahre alte Harald Jakhelln.

Im Laufe des Vormittags sammelt sich Passanten an den Absperrungen des Militärs. In vielen Gesichtern stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung. "Es ist schrecklich, dass wir jetzt auch eine solche Situation haben. Ich denke dabei auch an die Menschen in London, New York und anderen Orten, wo solches geschehen ist", sagte Oslos Bürgermeister Fabian Stang. "Es wird immer wichtiger, dass wir zusammenhalten."

Doppelattentat: Erst die Bombe, dann das Massaker

Nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel am Freitagnachmittag fuhr der mutmaßliche Attentäter nach Überzeugung der Polizei mit dem Auto zur 40 Kilometer entfernten Insel Utøya. Dort eröffnete der als Polizist verkleidete Attentäter das Feuer auf die etwa 600 Jugendlichen. Überlebende berichteten im TV-Sender NRK von Panik und Chaos.

"Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt." Jens Stoltenberg
Viele der Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Der Attentäter habe auch auf sie geschossen. Unklar ist noch, wie der Mann in dem Feriencamp bis zur seiner Festnahme so viele Menschen umbringen konnte. Vieles scheint aber damit zu tun haben, dass die Insel weit entfernt ist von der nächsten Stadt und die Sondereinheiten der Polizei einige Zeit benötigten, um zum Tatort zu kommen. Die Angaben über den Zeitraum, in dem der Täter nahezu unbehelligt auf Utøya wütete, schwanken zwischen 30 und 60 Minuten. Bislang offiziell unbestätigten Berichten nach, soll der Täter mit Tränengas aus der Luft betäubt und dann festgenommen worden sein.

Anteilnahme in aller Welt

Norwegens König Harald V. forderte seine Landsleute auf, "in dieser schweren Situation zusammenzustehen und einander zu stützen". Regierungschef Stoltenberg sprach von einer "nationalen Tragödie" und sagte: "Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt."

Über seine persönlichen Erinnerungen an Sommerlager auf der Insel Utøya sagte der Ministerpräsident, der zugleich Chef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist: "Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt."

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dmitri Medwedew.

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Autor: dpa/afp/kh, aktualisiert um 18.30 Uhr