Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
20. Juli 2012
Radio-Botschaften an Entführte in Kolumbien
"Meine Liebe, hör den Vögeln zu!"
In einer kolumbianischen Radiosendung können Angehörige Botschaften an Entführte durchgeben – oft kommen sie an.
Es knackst und zerrt. Die Telefonverbindung ist schlecht, immer wieder stockt die Übertragung. Doch die Frau spricht unbeirrt weiter – immerhin ist sie live auf Sendung in Kolumbiens wichtigstem Radiosender. Und auch der Moderator Huber Hoyos stört sich nicht an der schlechten Qualität: Denn hier spricht eine Mutter zu ihrer Tochter, die 2004 von den Farc, den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens, entführt wurde. Was stören da ein paar Knackser.
"Meine Liebe, hör den Vögeln zu!", sagt die Frau zu ihrer Tochter. "Wenn du genau aufpasst, dann merkst du, dass sie dir meine Gebete und Botschaften vorsingen." Dann folgt eine lange Liste an Segenswünschen der gesamten Familie. Seit acht Jahren ist die Radiosendung "Las Voces del Secuestro" – auf deutsch "Die Stimmen der Entführten" – für Mutter und Tochter die einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten.
Es ist 1.24 Uhr nachts in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Huber Hoyos, Moderator und Leiter der Sendung, tritt aus dem Radiostudio im achten Stock des Caracol-Hochhauses. "Wie viele Anrufer haben wir noch in der Warteschleife", fragt er in den mit Telefonen bestückten Vorraum, in dem drei Mitarbeiter die Botschaften der Zuhörer entgegennehmen. Es sind mehr als Hoyos Sendezeit zur Verfügung hat.
Werbung
Der Moderator trägt ein enges, schwarzes Hemd und eine dunkle Hose mit Bügelfalten. In einer der Bars in der Nähe des Radiostudios, die um diese Zeit noch gut gefüllt sind, würde er nicht auffallen. Doch seit sein Bruder Herbin, der Gründer des Programms, wegen Morddrohungen nach Europa fliehen musste, verbringt Huber die Nächte zum Sonntag am Mikrofon. Jede Geschichte hinter einer Entführung ist grausam, sagt Hoyos. "Und obwohl jede Familie auf ihre eigene Weise leidet, gibt es doch einen Schmerz, der alle verbindet: die Abwesenheit eines geliebten Angehörigen, von dem man nicht weiß, was mit ihm passiert ist."
Las Voces del Secuestro läuft seit 18 Jahren auf Caracol Radio, dem einflussreichsten Sender Kolumbiens. Das Prinzip ist so einfach wie eindrucksvoll: Jede Woche in der Nacht von Samstag auf Sonntag können Familien ihren entführten Angehörigen Botschaften schicken. Von 0 bis 6 Uhr ergibt das ein Programm, das einem vor Verzweiflung Tränen in die Augen treibt, das gleichzeitig aber Hoffnung ausstrahlt: In dieser Nacht spricht Elvira Londoño aus Cartagena ihrem Sohn Mut zu, der 2002 entführt wurde. Janeth Rosas grüßt ihren Bruder, der seit 15 Jahren verschwunden ist. Und Marta Cardona ruft an, um zu ihren Brüdern Alirio und Jesus zu sprechen, die sie seit 1989 nicht gesehen hat.
Mehr als 2600 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren in Kolumbien entführt worden – viele für Jahre. Moderator Huber Hoyos rechnet damit, dass heute noch etwa 500 Menschen gefangen gehalten werden: um Lösegeld zu erpressen, politischen Druck auszuüben oder Familien einzuschüchtern. "Die Guerilla hat sich dazu verpflichtet, niemanden mehr zu entführen", sagt Hoyos. Aber seit sie das bekannt gegeben hat, hat sie schon mindestens zwei Leute verschleppt – wahrscheinlich sind es sogar noch mehr. Denn oft entführen die Farc jemanden, und aus Angst um ihre Angehörigen machen es die Familien nicht öffentlich.
Dass sich die Farc, die älteste Guerilla Kolumbiens, tatsächlich nicht an ihre Abmachung halten, niemanden mehr entführen zu wollen, hat auch der Fall von Roméo Langlois gezeigt: Ende April hat die Guerilla den französischen Journalisten verschleppt, als dieser das Militär bei einem Einsatz gegen Drogenlabore im Dschungel filmte. 32 Tage hielten die Farc den verletzten Langlois im Dschungel gefangen. Ende Mai übergaben sie ihn dem Roten Kreuz. Bei den Voces del Secuestro hatten viele Hörer zuvor Botschaften geschickt mit der Bitte, den Journalisten freizulassen.
Auch Alfonso Jiménez hat in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Guerilla aufgerufen, die Entführungen zu stoppen. Jiménez, kurzgeschorener Schädel und Tarnanzug, ist Oberst beim kolumbianischen Militär und sitzt mit im Studio. Zusätzlich zu den Anrufern lesen auch jede Woche Angehörige des Militärs Botschaften vor. "Es ist ganz wichtig, dass ,Die Stimmen der Entführten’ in einem der großen Radiosender läuft", lobt Jiménez das Programm. Nur so komme es auch im letzten Winkel des Landes an und könne von denen gehört werden, an die es sich richtet: die Verschleppten. "Alle, die freikommen, bestätigen, dass sie die Sendung regelmäßig gehört haben", sagt Jiménez. "Sie erzählen, dass sie ihnen neuen Mut gegeben und sie durch die dunkle Zeit ihrer Entführung begleitet hat."
Um auch über die Entführten zu sprechen, die noch nicht bekannt sind, hat Hoyos den Verein "Los que faltan" – "Die, die noch fehlen" – mitgegründet. Allein im ersten Monat hat der Verein 50 neue Entführungsfälle dokumentiert, wie den eines Mädchens, das 1997 verschleppt wurde. Die Eltern haben jetzt nach 15 Jahren zum ersten Mal öffentlich über die Entführung ihrer Tochter gesprochen. Und sie haben ihr in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine Radiobotschaft geschickt. In der Hoffnung, dass die Tochter sie hören konnte.
Autor: Florian Meyer-Hawranek



