Pro & Contra

Spiel um Platz 3: Unsinn oder versöhnliches Ende?

Michael Dörfler , Thomas Steiner

Von Michael Dörfler & Thomas Steiner

Fr, 11. Juli 2014 um 07:32 Uhr

Debatte

Am Samstag treffen Brasilien und die Niederlande aufeinander – im Bronzespiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Anachronismus, findet BZ-Redakteur Michael Dörfler. Der Kollege Thomas Steiner widerspricht.

Abschaffen! Das Spiel um Platz drei ist reiner Anachronismus

Aus gegebenem Anlass wollen wir an dieser Stelle an die großartigen WM-Spiele Österreich – Uruguay (3:1/1954), Chile – Jugoslawien (1:0/1962), Schweden – Bulgarien (4:0/1994) und Türkei – Südkorea (3:2/2002) erinnern, die selbst bei den Teilnehmern weitestgehend in Vergessenheit geraten sind. Aus gutem Grund: Allesamt waren das Spiele um den dritten Platz. Ein Schlagabtausch um nichts also, der lediglich die Statistik einer WM bereichert und im günstigsten aller Fälle dazu gut ist, den Tag vor dem Finale mit einer sportlichen Darbietung zu garnieren.

Es braucht vermutlich nicht mal eine repräsentative Umfrage um herauszufinden, dass so gut wie niemand scharf auf dieses Gekicke ist. Schon gar nicht die Spieler. Die sind angereist, um mit einem Pokal nach Hause zu fliegen. Und nicht, um nach einem verlorenen Halbfinale, was schon schlimm genug war, auch noch für eine billige Plakette samt Händedruck von Fifa-Chef Joseph Blatter 90 oder gar 120 weitere Minuten über den Rasen zu rennen.

Das "Spiel der Verlierer" ist ein Anachronismus, der nicht mehr in die Zeit passt. Früher, als der Fußball noch archaischer und sowieso alles besser war, mag man sich um dritte Plätze noch gerne gebalgt haben. Heute jedoch haftet diesen gewollten Paarungen nur noch das Etikett des Verstaubten, des Überflüssigen an.

Selbst die von der deutschen Mannschaft bei den beiden zurückliegenden Titelturnieren gewonnen "Verlierer-Spiele" gegen Portugal (3:1) und Uruguay (3:2) bilden da keine Ausnahme. Auch die hat keiner gebraucht – weil die Erinnerungen an die Weltmeisterschaften im eigenen Land (2006) – trotz "Märchen" – und in Südafrika (2010) viel eher mit dem schmerzlichen Ausscheiden gegen Italien (0:2) und Spanien (0:1) verbunden sind.

Dass bei diesen Spielen gelegentlich all jene Akteure auflaufen dürfen, die bis dahin die Bank drücken mussten, ist maximal für diese ein Trost. Für die Zuschauer nicht – weder im Stadion noch vor dem TV. Also: Weg damit! (Michael Dörfler)

Pro: Das Spiel um Platz drei kann Trost spenden

Gemach, nun warten wir erst mal ab, wie die Zuschauerquoten am Samstagabend sind. Dann wird sich zeigen, ob tatsächlich so wenige das Spiel um Platz drei sehen wollen. Einer jedenfalls wird es hierzulande mindestens sein: Der Autor dieser Zeilen möchte sehen, wie sich die Brasilianer mit einem Sieg gegen die Niederländer etwas Trost für die Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland holen.

Das Wort Trostpreis mag ja in einer Zeit, in der die Siegermentalität so oft über alles gestellt wird, einen altertümlichen Beiklang bekommen haben. Aber manchmal bedürfen Menschen halt doch des Trostes.

Oder ganze Länder gar. Das Spiel um Platz drei 2006 in Stuttgart war alles andere als bedeutungslos für Deutschland. Erst mit dem 3:1 über Portugal fand die WM für uns als Gastgeber das versöhnliche Ende, das es für ein richtiges "Sommermärchen" brauchte. Wäre mit der Niederlage gegen Italien Schluss gewesen, hätte das gewirkt, als hätte Rotkäppchen sein Ende im Magen des Wolfes gefunden (wie es übrigens in der ersten jemals gedruckten Fassung war) und wäre nicht vom Jäger befreit worden (wie dann bei den Gebrüdern Grimm).

Dieses Jahr wiederholt sich das nun. Um den Schmerz des schlimmen 1:7 wenigstens ein wenig zu lindern, werden die Brasilianer viel daran setzen, in ihrer Hauptstadt Brasília am Samstag als Sieger vom Platz zu gehen. Vielleicht wird dann sogar wieder Samba getanzt. "Wir werden weiter für die Ehre des Teams kämpfen, wir wollen den dritten Platz," hat Trainer Luiz Felipe Scolari trotzig angekündigt. Und wer würde es den WM-Gastgebern nicht gönnen? Die Niederländer natürlich ausgenommen. Trainer Louis van Gaal hat zwar keine Lust mehr, aber kampflos wird seine Mannschaft das Spiel gewiss nicht drangeben.

Platz drei ist schließlich auch was. Bei den Olympischen Spielen wird ja auch in jedem Wettkampf der Dritte geehrt. Ein bisschen was von der Idee, dass nicht nur die Goldmedaille zählt, tut auch dem Fußball gut. (Thomas Steiner)

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