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07. Juli 2012

Martin Halters Sprachkritik

DAS LETZTE WORT: Schreib oder stirb

  1. Foto: bz

Selbst die fleißigsten Journalisten sind heute zu langsam und zu teuer für die schöne neue Netzwelt. Blogger und Billiglöhner machen ihnen Beine. Womöglich wird heute bereits der eine oder andere Zeitungsaufmacher von hoch motivierten Indern preisgünstig produziert. Noch zukunftsträchtiger sind neue Programme wie Narrative Science oder Automated Insights, die aus Daten und Textbausteinen in Sekundenbruchteilen journalistische Gebrauchstexte erstellen. 2012 sollen bereits 1,5 Millionen Artikel computergeneriert werden, vor allem Sportberichte und Finanzmarktanalysen. Aber Narrative-Science-Gründer Kristian Hammond glaubt, dass spätestens in fünf Jahren der erste Roboter-Journalist den Pulitzerpreis bekommt. Schnell, zuverlässig und kompetent, ohne Lohn, Kaffeepausen und Rechtschreibfehler produzierte Fußballberichte (auf Wunsch maßgeschneidert für Gewinner und Verlierer), mit etwas Übung auch Feuilletontexte und Leitartikel: Eine verlockende Vorstellung, wenigstens für Verleger. Die Textbausteine liegen ja längst auf der Straße, sei es Löws "gutes Händchen" bei Einwechslungen, Merkels Mantra "Scheitert der Euro, scheitert Europa" oder auch der wie immer "verstörend, sensibel und sprachmächtig erzählte Jahrhundertroman" von Grass. Die Edelfedern könnten sich, befreit von öder Routine, endlich ihren eigentlichen Aufgaben widmen, der Verzierung harter Fakten durch weiche, subjektive Adjektive, gewagte Metaphern und couragierte Rücktrittsforderungen.Im Falle von Schreibblockaden und Konzentrationsmängeln verspricht die neue App "Write or Die" rabiate Abhilfe. Sofortige Bestrafungen wirken nachhaltiger als vage Belohnungen. Im Gentle-Modus von "Schreib oder Stirb" blinken freundliche Ermahnungen auf, wenn die voreingestellte Zahl von Wörtern pro Minute nicht erreicht wird; im Normal-Modus gibt’s schrille Pieptöne aufs Ohr, im "Kamikaze-Modus" wird alles bislang Geschriebene gelöscht, wenn der Autor zu lange herumtrödelt. Helen Oyeyemi, die ihren Roman "Mr. Fox" mit Hilfe der Drill-Software verfasst hat, schwört: "Angst ist die beste Motivation".

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Auch wenn man es nicht gleich merkt: Diese Glosse ist noch ohne Beihilfe virtueller Arschtritte, Textbausätze oder chinesischer Schreibsklaven von Hand geschrieben worden.

Autor: hal


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