Kolumne

Eine WM ohne Helden oder auch Schurken

Kathrin Ganter

Von Kathrin Ganter

Di, 10. Juli 2018 um 11:34 Uhr

Fußball-WM

Mannschaften bei der Weltmeisterschaft wurden aber schon immer von Typen mit Ecken und Kanten geprägt. Doch diesmal sind alle irgendwie nett.

Machen wir einen Test: Haben Sie Mario Balotelli noch in Erinnerung? Natürlich haben Sie, und zwar genau dieses eine Bild. EM 2012, Balotelli befördert die deutsche Elf mit unglaublicher Wucht aus dem Halbfinale und der Muskelberg in Siegerpose wurde zum Symbolbild des Turniers. Zinedine Zidanes Kopf kracht gegen Marco Materazzis, Luis Suárez’ Zähne graben sich in Giorgio Chiellinis Schulter. Welches Bild werden Sie in vier, acht, 20 Jahren von der WM in Russland im Kopf haben? Einen winselnden, verzogenen brasilianischen Fatzke, der sich auf dem Boden wälzt.

Eine Fußballweltmeisterschaft lebt von denen, die zur Legende wurden und denen, die’s – sorry – legendär verkackt haben. Bei dieser WM gibt es aber weder noch, keine Helden und keine Schurken. Bislang sticht lediglich Danijel Subašic einigermaßen heraus, der kroatische Elfmeterschreck. Aber auch das nur, weil ihn sein Team schon ins zweite Elfmeterschießen gezwungen hat.



Ins Elfmeterschießen kommt man dann, wenn beide Teams in den 120 Minuten möglichst kein Risiko eingehen. Hinzu kommt: bei dieser WM gab es bislang zwei rote Karten. Bei den beiden vorigen waren es während der gesamten Turniere neun und zehn direkte Platzverweise. Das mag zwar im Sinne von Fair Play und vorbildlich für E-Jugend-Spieler sein, aber es entspricht eben auch dieser ganz furchtbar kuschligen "Hier gibt es keine Verlierer, sondern nur zweite Sieger"-Mentalität.

Zwei mal elf brave Jungs, nur noch schwerlich voneinander zu unterscheiden, verschwinden im Kollektiv. Die sind alle irgendwie recht sympathisch und nett. Nett ist die kleine Schwester von langweilig. Die Mannschaften wurden aber schon immer von Typen geprägt mit Ecken und Kanten. Leader wie Oliver Kahn, die Entscheidungen getroffen haben – seien sie noch so schmerzhaft gewesen – und ihr Team mitgerissen haben. Männer, an denen sich die Fans reiben konnten, die den Puls beim Zuschauen in Sekundenschnelle auf 180 treiben konnten. Männer, die man liebte, wie Henrik Larsson und Männer wie Didier Drogba, die man gleichzeitig hassen und ihnen dennoch den allergrößten Respekt entgegenbringen konnte.

Jetzt dürfen sich nicht einmal mehr die Schiedsrichter falsch entscheiden, weil auch sie die Hoheit über den Platz verloren haben, die von zwölf Dutzend Videokameras übernommen wurde. Soll sich nur keiner ungerecht behandelt fühlen...

So trudeln wir dem Ende dieser WM entgegen, die kulinarisch einem Salat mit Putenstreifen gleicht. Alle Nährstoffe drin, fettarm und sättigend, aber ohne jede Würze und absolut genussbefreit.