Bonneaus Stilfrage

Freie Sicht auf freie Bilder!

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

So, 18. März 2018 um 14:59 Uhr

Kultur

Immer wieder kommt es vor, dass sich Ausstellungsbesucher rücksichtslos zwischen einen Betrachter und das betrachtete Kunstwerk stellen. Wie man auf diese Unhöflichkeit reagieren sollte:

Das Problem: Mich stört, dass in Ausstellungen selbst "ältere Semester" kaum noch wissen, dass man, wenn möglich, sich nicht zwischen einen Betrachter und das von ihm Angeschaute stellt und dort nicht hindurch-, sondern hinter ihm vorbeigeht.

Elisabeth Bonneaus Antwort: Wer im Museum einen sechs Meter breiten Rubens oder Monet von der gegenüberliegenden Wand aus bewundern will, darf nicht erwarten, dass die anderen Betrachter den gesamten Raum vor ihm frei halten. Das werden Sie auch nicht tun. Ich gehe auch davon aus, dass Menschen, die zwischen Betrachter und Objekt vorbeigehen oder anhalten, dies nicht aus Bosheit tun, sondern aus – in diesem Augenblick – fehlender Achtsamkeit. Wollen Sie freie Sicht auf freie Bilder, müssen Sie wohl zur Selbsthilfe schreiten.

Legen Sie Ihre Ausstellungsbesuche auf Zeiten mit geringem Besucheraufkommen; manche Kunsthallen machen diese auf ihrer Internetseite publik. Das können Sie vielleicht nicht immer tun, und eine Garantie beinhaltet das Vermeiden von Menschenmengen sowieso nicht.

Also gilt es, im entscheidenden Moment vor Ort für sich zu sorgen. Und zwar so, dass Sie Ihr Gesicht wahren und das des ungeschickten Zeitgenossen auch. Abgedroschene Sprüche wie "Ein schöner Rücken kann auch entzücken" erfüllen diese Bedingung nicht. Beschimpfungen wie "Haben Sie keine Augen im Kopf?!" auch nicht. Was soll jemand denn da antworten außer "Vorne schon. Deshalb bin ich ja hier." Mehr oder weniger laut über die Leute heute zu stöhnen? Hilft genauso wenig. Sich selbst vor der Person aufbauen, die Ihnen den Blick verstellt? Das könnte eher zu einem verbalen Schlagabtausch als zur Sensibilisierung führen.

Wenn Ihnen der Humor in der Situation noch nicht abhanden gekommen ist, könnten Sie aber so mit einem Lachen den Knoten lösen. Am einfachsten wird aber die schlichte Bitte bleiben: "Würden Sie mir netterweise den Blick auf das Bild ermöglichen?"
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin und lebt in Freiburg.