Füllwörter

"Genau" ist das neue "Äh"

Peter Disch

Von Peter Disch

Mo, 13. August 2018 um 16:49 Uhr

Bildung & Wissen

Im Deutschen war das "Äh" lange Zeit beliebtestes Füllwort. Aber jetzt bekommt es Konkurrenz. "Genau" ist das neue "Äh". Und es hat doch auch einen Schönheitsfehler.

Menschen reden. Manche mehr. Andere weniger. Kaum einer aber kann es druckreif. Erst nachdenken, dann sprechen – das schaffen viele nicht. Und nur wenige Meister der Rhetorik und Selbstbeherrschung schaffen es, eine Pause einzulegen, um sich zu sammeln und anschließend stammelfrei den nächsten Satz zu formulieren.

Üblich ist etwas anders: Geht der Faden verloren oder ist ein Gedanke auf dem Weg vom Sprachzentrum noch nicht bei den Stimmbändern angekommen, greift der Mensch gerne zu dem, was Experten treffend Verlegenheitslaut nennen. Im Deutschen war das "Äh" lange Zeit das meistgebrauchte Füllsel.

Aber weil Sprache nicht statisch ist, sich weiterentwickelt, Moden unterliegt und auch eine Frage der Generation ist, wird ein anderer Lückenbüßer immer populärer. "Genau" ist das neue "Äh". Die Vorteile liegen auf der Hand, äh, der Zunge. An die Stelle des Lauts tritt ein Wort. Das klingt seriöser, durchdachter.

Und aus der mit dem "Äh" assoziierten Verlegenheit wird durch die Bedeutung dieses Adjektivs ein Ausdruck der Selbstreflexion und Kompetenz – als würde man in Gedanken die eigenen Sätze nochmal durchgehen und zum Schluss kommen, dass alles Gesagte exakt so zutrifft. Eines sollte dabei aber nicht vergessen werden. Am Ende kommt es nicht darauf an, wie Menschen etwas formulieren, sondern dass sie etwas zu sagen haben. Genau.