Unterm Strich

In Neuseeland ist der einsamste Vogel der Welt gestorben

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Mi, 07. Februar 2018 um 15:41 Uhr

Panorama

Nigel war der einsamste Vogel der Welt. Er verliebte sich in eine Vogelattrappe aus Beton. Nun ist Nigel tot.

Verliebte sehen die Welt durch eine rosarote Brille. Die Illusion ist der Liebe oft zuträglicher als die graue Realität. In der Oper "Hoffmanns Erzählungen" ist das so. Der Held, der sich tölpelhaft durch eine wundersame Brille täuschen lässt, erkennt nicht, dass seine geliebte Olympia in Wahrheit eine Puppe ist. Aus seinem Liebeswahn wird er erst gerissen, als die Puppe in ihre Einzelteile zerfällt.

Dieses traurige Schicksal blieb Hoffmanns neuseeländischem Leidensgenossen Nigel erspart. Nigel war ein wahrer Tölpel, war weit gereist und hatte sich 2014 auf einer Insel nahe der Hauptstadt Wellington niedergelassen. Prompt verliebte er sich auf seiner kleinen Insel – in einen Beton-Tölpel. Schüler hatten 80 Vogelattrappen aus Beton auf der Insel aufgestellt, um echte Tölpel anzulocken, die die Insel besiedeln sollten. Selbst an künstlichen Vogelkot hatten sie gedacht.

Doch Nigel war der Einzige, der kam. Und er blieb. Als "einsamster Vogel der Welt" wurde er bekannt. Der Ranger der Insel, Chris Bell, berichtete von der Balz, mit der Nigel seine Angebetete überzeugen wollte, von dem Nest, das er ihr baute. Seine Bemühungen haben nicht gefruchtet, seine Flamme hatte ein Herz aus Stein. Sein Nest musste er Abend für Abend selbst wärmen. Dennoch: Nigel war eine treue Seele.

Unverdrossen flirtete der Tölpel weiter – selbst, als kürzlich einige echte Artgenossen auf die Insel kamen, blieb Nigel seiner Betonfrau treu. Er schien glücklich zu sein mit ihr, verschmähte die hektischen Artgenossen und zog dem täglichen Kampf ums Dasein die süße Illusion und Beständigkeit seiner Betonfamilie vor.

Nigel wurde nicht wie der Opernheld Hoffmann auf den harten Boden der Realität zurückgeworfen. Seine Betonfrau sollte ihn überleben. Der Tölpel Nigel verstarb kürzlich in dem Nest, das er sich und seiner künstlichen Liebe gebaut hatte. Zurück lässt er 80 Tölpel-Statuen aus Beton – und Chris Bell, den einzigen Menschen auf der Insel. Ob auch ihn eine Liebe dort hält, ist nicht bekannt.