Fußgängerzone

MARKTGEFLÜSTER: Kein Ton zu hören. Schräg.

Peter Gerigk

Von Peter Gerigk

Fr, 24. August 2018

Lörrach

Der Dieselmotor eines Lastwagens vor einem Kaufhaus dröhnt. Einer der beiden Hunde, die neben dem den ganzen Tag über am Boden lagernden Mann liegen, reißt gelangweilt sein Maul auf und gähnt. Ein Baby schreit. Die Bremsen eines Fahrrads quietschen. Eine Schweizerin bedankt sich mit ihrem Mobile am Ohr bei ihrem Gesprächspartner für "das Telefon" und schickt noch hinterher, sie müsse noch "öbbis poschde go". Eine Verkäuferin preist an einem Marktstand eine 1030 Gramm (!) schwere Tomate an. So weit, so gut. Aber etwas an diesem Donnerstagmorgen in der Innenstadt stimmt nicht: Kein einziges Musikinstrument ist zu hören. Die Musik ist weg. Schon seit Tagen. Auffallende Ruhe herrscht, wo sonst eine Familie fünfstimmig und schräg ums Überleben zu singen scheint und die Anlieger der Fußgängerzone damit zur Weißglut bringt, der dünne Mann mit den langen Haaren den Dudelsack spielt oder der Gitarrenspieler mit dem kleinen Verstärker in der neben ihm abgestellten Tragetasche gefühlvoll Evergreens aus den 80ern zupft. Wo sind all die Straßenmusiker, an denen man in der Fußgängerzone sonst nicht vorbeikommt und die sich manchmal sogar um die lukrativsten Plätze streiten? Vielleicht treffen sie sich an einem kühlen Ort in Nordeuropa zu einem Workshop für populäre Musik. Oder Ihnen wurde es auf dem von der Sonne dauerbestrahlten Boden in Lörrach zu heiß. Als nachmittags Donner grollte, Wolken aufzogen und ich flehte, die Musiker mögen wieder spielen, damit alles so klingt wie immer, bauten sich tatsächlich die Musiker der Gypsy Stars Band auf dem Alten Marktplatz auf. Wahrscheinlich hatten sie sich nur so rar gemacht, weil sie aufs passende Wetter warteten: für Singin’ in the rain.