Wiedergeburt des Fächers

MARKTGEFLÜSTER: Ohne Akku und Stecker

Sabine Ehrentreich

Von Sabine Ehrentreich

Mi, 08. August 2018

Marktgeflüster

Bald fahren Autos selbst, Jalousien lassen sich aus der Ferne bedienen, der Kühlschrank bestellt selbsttätig die Milch, die zur Neige zu gehen droht, und das Handy kann wesentlich mehr als sein Nutzer. Immer raffinierter werden die Dinge, die unseren Alltag begleiten, meist unterstützt von einem Akku. Und dann das: Ein Gegenstand erlebt seine Wiedergeburt, der an Schlichtheit kaum zu überbieten ist und rein mechanisch, mithin nachhaltig betrieben wird – der Fächer. Immer häufiger sieht man in diesen Hundswochen im öffentlichen Raum fächelnde Menschen, beim Stimmen-Festival, in der Gemeinderatssitzung, im Café. Und immer häufiger nutzen sie dafür nicht mehr Programmhefte, Sitzungsunterlagen oder Speisekarten, sondern haben zu Hause jenen Gegenstand ausgegraben, den sie einst im Andalusien-Urlaub erwarben – oder im heimischen Einzelhandel. Der hat sich darauf eingestellt, dass die mitteleuropäische Kundin angesichts der brüllenden Hitze, also sozusagen aus Notwehr, alle Sorge fahren lässt, das Gefächel könnte albern wirken. Auch in der Hand von Männern sieht man den Fächer, der schließlich nicht nur geblümt und gerüscht zu haben ist und allemal seinen Zweck erfüllt. Die Luftzufuhr, die er spendet, ist erheblich. Schließlich wurde er in Ländern geboren, die wissen, was Dauerhitze ist – schon bevor sie die Wanderung in den Norden antrat. Was nun noch schmerzlich fehlt: Dass auch die Siesta unsere Breiten erreicht.