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10. Dezember 2011

Martin Halters Sprachkritik

DAS LETZTE WORT: Angezählt und auserzählt

  1. Foto: bz

Kaum ein Nagel wird in die Wand geschlagen", höhnte kürzlich die FAZ, "kaum eine Brust vergrößert und kaum ein Buch geschrieben, ohne dass die jeweils Handelnden damit "eine Geschichte erzählen" wollten. Aber was zu oft und lange erzählt wird, ist bald auserzählt, jedenfalls im Fernsehkrimi. Mit der Begründung, Geschichte und Figuren seien auserzählt, wurden der Schweriner "Polizeiruf", die ZDF-Serie "Kriminaldauerdienst" und zuletzt der Saarbrücker "Tatort" abgesetzt. Kommissar Brückner protestierte heftig; manche Kollegen, etwa Robert Atzorn (Hamburg) und Edgar Selge (München), gaben dagegen mit der Begründung "auserzählt" schon freiwillig die Dienstmarke ab. Selbst Christoph Maria Herbst alias Stromberg fühlt sich bereits schwer ange- beziehungsweise "auserzählt".

Dass viele Kritiker auch die Lindenstraße, Harry Potter und Gottschalk für auserzählt halten, leuchtet ein. In den Feuilletons gelten selbst Hitler, die DDR und die Heterosexualität als tendenziell auserzählt. So leidet Europa derzeit unter einer großen Müdigkeit: Alles ist schon mal dagewesen und in 384 Fortsetzungen zu Tode geritten worden. Das Ende der Geschichte ist nahe. Vor einigen Monaten jedoch forderte Peer Steinbrück plötzlich eine "neue Erzählung" für Europa, Cem Özdemir sogar ein neues "Narrativ", und seither rätseln Leitartikler, ob man von einem "narrative turn" in der der Politik sprechen müsse. Der SPD-Parteitag hat Klarheit geschaffen. Erst legte Helmut Schmidt die lang vermisste Europa-Erzählung vom Dreißigjährigen Krieg bis heute vor. Jetzt hat sein Meisterschüler Steinbrück der Märchenerzählerin und Physikerin Merkel ins Stammbuch geschrieben: "Europa ist nicht Physik, Europa ist viel mehr".

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Aber was erzählt uns das eigentlich? Schmidt hat in "Zug um Zug" die Badehose als europäisches Narrativ (sie "verbirgt, was verborgen werden soll": Das Prinzip der Menschenrechte verhüllt den westlichen Expansionsdrang) und Freund Peer als Kanzlerkandidaten vorgeschlagen. Physikalisch lässt sich diese Geschichte nicht mehr weiter hebeln oder toppen. Aber vielleicht muss das Märchen vom griechischen Stier, der Europa kidnappt und vergewaltigt, heute ganz neu erzählt werden. Steinbrück ist jedenfalls noch lange nicht auserzählt. Er kann es, mit oder ohne Badehose.

Autor: hal