Diskretion

MOMENT MAL: Immer das Cholesterin

Peter Disch

Von Peter Disch

Mo, 14. November 2016

Liebe & Familie

Die analoge Generation klagt über das Internet. Hort der freiwilligen Selbstentblößung und Sargnagel der Verschwiegenheit. Da bleibt nur der Rückzug ins reale Leben. Im ICE zum Beispiel gibt es Ruhebereiche mit Pssst!-Piktogrammen und Handyverbot. So haben zwei kommunale Spitzenkräfte Muse, um sich über die Sekretärin auszutauschen, die dem einen ein Verhältnis angedichtet hat. Zum Glück hat die Klatschbase das Rathaus verlassen. Dann eine Hardrock-Fanfare: Das Telefon des Gestalkten klingelt. Kurz vor Karlsruhe ruft er dann seinen Bürgermeister an. Regenrückhaltebecken? Läuft. Beruhigend zu wissen. Die Reisegruppe zwei Reihen weiter hat übrigens "eine Kühldasch’ für die Fleischworschd" dabei. Wie gesund sind fünf Pfund Gebrühtes eigentlich? Da kehrt die Erinnerung an einen eigenen Besuch beim Kardiologen im Sommer zurück. Zwischen Empfang und offener Warteecke zwei Meter. Vehement kämpft die Sprechstundenhilfe am Telefon für einen Patienten, der dringend in einer anderen Praxis einen Termin braucht – das Cholesterin. So schlimm? Der Patient fragt nach. Diese Stimme, diese Stimme... Minuten später ist das eigene Arztgespräch vorbei. Vor dem Haus steht der Mann mit dem Blutfettproblem. Erkennendes Nicken. Wie es halt ist, wenn man sich beruflich kennt. Dass die eigenen Werte auch zu hoch sind, braucht er nicht zu wissen. So viel Diskretion muss sein.