Sehen und gesehen werden

MOMENT MAL: Unter der Tarnkappe

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Mo, 19. Februar 2018

Liebe & Familie

Von Sonja Zellmann.

Leute gucken. In der Bahn, im Café, beim Einkaufsbummel. Seitdem das Smartphone jederzeit Ablenkung bietet, kommt diese Beschäftigung viel zu kurz. Dabei macht das solchen Spaß: Leute gucken und sich ihre Geschichte zusammenzureimen: Warum er mit der grünen Mütze ein Buch über Floristik liest, ob das Pärchen da noch lange zusammen sein wird, warum die lockige Frau so traurig schaut... Klar, glotzen soll man nicht, aber jeder macht es. Sagt sogar die Wissenschaft. Einer Studie von 2016 zufolge gucken alle Menschen gern – und glauben dabei kurioserweise, sie wären die Einzigen. Das liegt daran, dass wir so gut darin sind, unser Beobachten zu kaschieren. Sobald der Beobachtete Anstalten macht, in die eigene Richtung zu schauen, wenden wir den Blick ab und studieren die Speisekarte des Straßencafés, in dem wir gerade sitzen, oder, klar, gucken aufs Smartphone. Deshalb merken wir auch nicht, dass wir ebenfalls beguckt werden, und halten den Blick anderer, sollten wir ihn doch mal aufschnappen, für Zufall. Die Psychologen haben sogar einen Begriff dafür: Tarnkappen-Illusion. Also, ruhig weiter gucken. Auf einem bekannten Reiseportal kann man sogar die Suche nach seinem Urlaubsort danach eingrenzen, ob man dort gut Menschen beobachten kann. Weil’s halt Spaß macht. Tarnkappe hin oder her.