Von Vorhängen und Tapeten

MOMENT MAL: Wildnis im Zimmer

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Mo, 19. März 2018

Liebe & Familie

Von Stephanie Streif.

Im Gästezimmer meiner Großmutter hingen wild gemusterte Vorhänge. Blau-lila Kletterpflanzen rankten sich auf dem Stoff bis unter die Decke nach oben. Ein geheimnisvolles Dickicht, das einem nachts – wenn man so da lag und nichts weiter tun konnte, als sich im Zimmer umzuschauen – fast ein bisschen unheimlich wurde, weil der Sommerwind, der ins Fenster hineinblies, die Ornamente zum Leben erweckte. Die Zweige begannen sich zu bewegen, wurden zu Insekten, die über den Vorhang krabbelten oder zu Ziegen, die aufrecht tanzten. Einmal entdeckt, ging der Blick den Vorhang hinauf und wieder hinunter, um das wirre Muster nach Regelmäßigkeiten abzutasten, nach noch mehr Insekten und noch mehr Ziegen. Nicht ganz so gruselig ging es tagsüber auf Omas Toilette zu. Dort saß man dann Beine baumelnd und immer etwas länger als nötig, weil an der Tapete rundherum hellgrünes Efeu wucherte. Überall Blätter, Äste, Zweige – auf den ersten Blick ein Chaos, das es zu ordnen galt, denn irgendwann endet jedes Muster und fängt wieder von vorne an. Aber, hach, das ist lange her. Mit den Jahrzehnten sind die wilden Mustertapeten verschwunden. Heute sind Wände vor allem eins – unifarben. Und Vorhänge, wenn überhaupt noch vorhanden, hängen unbelebt und gelangweilt von der Stange. Schade eigentlich! Man konnte sich so herrlich in dem Musterdickicht von damals verlieren.