Bonneaus Stilfrage

Sagt man "Gesundheit", wenn jemand niesen muss?

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

So, 01. April 2018 um 21:27 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Jemand niest – und der gante Saal brüllt "Gesundheit". Das macht man doch eigentlich schon lange nicht mehr – oder hat sich etwas geändert?

Frage: Ich frage mich, ob die neuen Benimmregeln an mir vorbei gegangen sind. Nicht genug, dass ich mir ein orkanartiges Niesen anhören muss, brüllt dann noch ein ganzer Saal: "Gesundheit". Anscheinend weiß niemand, dass das ungehörig ist, oder die Regeln haben sich geändert. Können Sie mir weiterhelfen?

Elisabeth Bonneau antwortet: Lange Zeit wurde einer Person, die nieste, unausweichlich "Gesundheit" gewünscht, man wähnte etwas Bedrohliches hinter dem Symptom. Die Pest? Der Teufel gar? Der Wunsch kam mancherorts sogar intensiviert daher: "Hilf dir Gott" in Bayern, "God bless you" in angelsächsischen Ländern. In Spanien setzte man mit dem Ausruf "Jesus!" mehr auf die Unterstützung von Gottes Sohn.

Wer hingegen hustete, prustete oder auf anderem Wege hörbar Luft verlor, blieb mit seinen Malaisen allein. So schlimm, dachte man, konnte das ja nicht sein. Heute setzen viele Menschen weniger auf Gottes Hilfe, zumindest bei Kleinigkeiten wie einem Niesanfall.

Sie informieren sich in den Medien, in Packungsbeilagen und bei Arzt und Apothekerin und können die diversen Symptome zuordnen. Daher heißt es heute: Sagen Sie einfach nichts. Nicht beim Husten. Nicht beim Niesen. Nie. Diese Empfehlung ist identisch mit den Gebräuchen der so genannten feinen Kreise in der ganzen Welt: Unfreiwillige Äußerungen des Körpers wurden und werden dort schlichtweg ignoriert. Da wird – schon immer! – nicht nur der Pups gnädig überhört, sondern auch das Rülpsen, Husten und eben das Niesen.

Heute gilt es als fein, als Produzent eines in einer Situation unangemessenen Geräuschs inklusive Handyklingeln dezent um Entschuldigung zu bitten. Die Umwelt hört stoisch weg.

Ob Ihnen dieses Wissen für Ihr Handeln weiterhilft, mag ich aber zu bezweifeln. Jemanden, der an unpassender Stelle niest oder "Gesundheit" ruft, öffentlich zurechtzuweisen, wäre nämlich garantiert schlechter Stil.
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin und lebt in Freiburg.