Niklas Arneggers Wochenschau

SALTO RÜCKWÄRTS: Klima, Krise, Kreislauf

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Sa, 11. August 2018

Freiburg

Stöhn! Ächz! Diese Hitze! Der Klimawandel hat den eigenen Balkon erreicht. Der Kreislauf kriegt die Krise. Die Menschen suchen Seen und Schwimmbäder auf, entblättern sich und legen sich in den Schatten. Falls sie Schatten überhaupt finden, denn die Bäume entblättern sich ebenfalls. Die denken nämlich, es sei schon Herbst. Ja, bis gestern, als es endlich etwas kühler wurde, konnte sich die Weltpresse vor lauter Hitze nicht einmal zu den bisher üblichen, Jahr für Jahr hochspannenden Sommerglossen aufraffen über das ewige Problem, ob Männer im Büro kurze Hosen tragen dürfen und ob sie sich, wenn ja, die Beine rasieren müssen oder nicht.

Denn – so der schwersexistische Vorwurf – das Männerbein neige dazu, in Form und Farbe mit einer knorrigen Moorbirke in ästhetische Konkurrenz zu treten. Die Freiburger Unibibliothek aber hat sich all dies zu Herzen genommen und entblättert, genauer: entplattet, sich ebenfalls, indem sie sich eines Blechstücks entledigte. Angeblich verträgt der Kleber die Hitze nicht. Denen ist wohl das UHU ausgegangen. Eilends wurde eine Art Schutztunnel vor dem Eingang aufgebaut, der mit seinem brutalistischen Stil einen städtebaulich reizvollen Kontrast bildet zur gläsernen Fassade der UB. Sollte man direkt stehen lassen.

Der Klimawandel hat vor gar nichts Respekt, nicht mal vor dem ZMF. "Wir hatten seit Jahren kein verregnetes ZMF mehr", wie Geschäftsführer Marc Oswald gezwungenermaßen einräumen musste. Doch glaubt ihm das selbstverständlich kein Mensch. Denn jeder weiß noch genau, wie damals der Regen aufs Zeltdach knatterte. Bei jedem Konzert? Immer? Jawoll! Auf jeden Fall wird es Jahrzehnte dauern, bis unsere Bobbelesköpfe ein sommersonniges Wetter beim ZDF akzeptiert haben werden, bis Regen und Matsch beim ZMF zum (dann aber selbstverständlich verklärten) Mythos werden. Vorerst aber gilt: Regenfreie Zeltfestivals? Hat's nie gegeben. Alles andere sind Fake News. Da sind wir unerbittlich.

Wir kennen Wohlfühlmassagen, -hotels, -häuser und -orte. Insgesamt hat der Wohlfühl- den Wellnesswahnsinn abgelöst. Denn Wohlfühlen ist Wellness im Quadrat. Ach was: hoch drei! Dabei geht es um alles, nämlich um Körper, Geist und Seele, soweit die beiden Letzteren überhaupt vorhanden sind. Die Frage ist ferner, ob sie, wenn ja, in der Lage sind, eine halbwegs geordnete Beziehung miteinander und mit dem Körper einzugehen. Nachhaltig? Aber immer! Jedenfalls soll alles eine Einheit bilden. Irgendwie. Unter diesen theoretischen Aspekten ist es erstaunlich, dass Greenpeace der Stadt Freiburg vorwirft, beim Klimaschutz auf konfliktfreie Wohlfühl-Maßnahmen zu setzen. Als wäre konfliktfreies Wohlfühlen nicht genau das, wonach der Mensch als solcher stets auf der Suche ist. Es werden sogar Sachen wie ein "kreatives Wohlfühlseminar" angeboten. Getreu dem Motto: Bist im Kopf du hohl, dann fühlest du dich wohl. Kurz: Freiburg ist nicht nur die Green City, sondern auch Wohlfühl-City. Denn wie schon Goethe sagte: "Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch."