Unterm Strich

Schmerzhafte Querstange

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Di, 15. November 2016

Kolumnen (Sonstige)

Das Amtsgericht Nürnberg und eine knackige Überschrift / Von Heidi Ossenberg.

Manche Nachrichten muss man mehrmals lesen oder hören, damit das Gehirn sie vollständig erfasst (nein, dies ist keine Auseinandersetzung mit der US-Wahl) – andere erschließen sich einem nahezu zwischen zwei Wimpernschlägen. Das liegt häufig an der knackigen Überschrift: "Urteil: Wer gegen Baugerüst läuft, ist selber schuld" ist eine Meldung, die eindeutig in die letztgenannte Kategorie fällt. Man könnte meinen, die Quintessenz der Nachricht trete hier sogleich offen zu Tage – so verzieht sich, gleichermaßen automatisch, das Gesicht der/des Lesenden zu einem Grinsen.

Doch nein, es geht hier ganz und gar nicht um einen billigen Slapstick-Effekt – was klar wird, wenn man die Nachricht der Deutschen Presse Agentur zu Ende liest: Das Amtsgericht Nürnberg hat die Klage einer Frau abgewiesen, die mit dem Kopf gegen eine Querstange eines Gerüsts stieß, das an ihrem Haus aufgestellt war. Die Dame, über die wir ansonsten rein gar nichts wissen, wollte rasch ins Haus zurücklaufen, als dort das Telefon klingelte. Sie zog sich beim Zusammenstoß mit der genannten Querstange eine Gehirnerschütterung zu. Freilich wusste sie, dass das Gerüst dort an ihrem Haus stand. Doch weil die Stange "nicht besonders markiert oder mit Bändern kenntlich gemacht worden war", wollte sie von der Gerüstbaufirma Schmerzensgeld.

Diese Klage wies der Richter ab. Doch anders als die knackige Überschrift (siehe oben) suggeriert, glaubt das Gericht gar nicht unbedingt, dass die Frau "selber schuld" ist an dem Zusammenprall mit der Querstange. Vielmehr hat Justitia sich ordentlich Mühe gegeben, die Situation vor Ort genau zu analysieren. Letztlich seien andere Faktoren als das Gerüst maßgeblich für den Unfall gewesen – etwa das Läuten des Telefons und der ungünstige Stand der Sonne.

Wir staunen, welche Dimensionen manchmal hinter vermeintlich doch so klaren Überschriften stecken. Irgendwie tröstlich zu erfahren ist: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.