UNTERM STRICH: Der Blick in den Spiegel

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

Mo, 29. Oktober 2018

Kolumnen (Sonstige)

Was uns von Leonardo da Vinci unterscheiden könnte / Von Karl-Heinz Fesenmeier.

Den Verdacht hatten wir schon immer: Dass Leute, die Großes leisten, eine Anomalität haben müssen, die ihnen das ermöglicht. Der Umkehrschluss trifft ja auch meistens zu. Otto Normal malt, schreibt oder komponiert halt keine Meisterwerke. Damit die Betrachtung nicht endlos wird, lassen wir bei den Anomalitäten die Psychosachen weg, die vielen Künstlern ohnehin nachgesagt oder angedichtet werden. Normalos nehmen die ja gern zur Kenntnis, weil sie dann besser damit leben können, dass sie nichts Großartiges zustande gebracht haben. Wer würde sich schon ein Ohr abschneiden wollen, nur um Bilder zu malen, die zu Lebzeiten keiner kauft?

Hier geht es jetzt aber nur um körperliche Anomalitäten. Britische – welche sonst! – Forscher wollen herausgefunden haben, dass Leonardo da Vinci eine Augen-Fehlstellung hatte, die ihm bei seiner künstlerischen Arbeit zugute gekommen sein könnte. Er habe wohl sogar zeitweise leicht nach außen geschielt, schreibt Augenarzt Christopher Taylor von der City University of London im Jama Ophthalmology, einer wissenschaftlichen US-Zeitschrift für Augenheilkunde. Durch sein sogenanntes intermittierendes (zeitweise auftretendes) Außenschielen sei es Leonardo da Vinci offenbar leichter gefallen, Gesichter oder Landschaften dreidimensional darzustellen. Tyler gelangte nach genauer Betrachtung von zwei Skulpturen, zwei Ölgemälden und zwei Zeichnungen zu seiner verblüffenden Erkenntnis. Im Übrigen sollen auch Rembrandt, Edgar Degas und Pablo Picasso einen Knick in der Optik gehabt haben.

Dann kann ja jeder mal bei einem genauen Blick in den Spiegel prüfen, ob an ihm vielleicht ein kleiner Picasso oder wenigstens ein Kunstlehrer oder VHS-Malkursleiter verloren gegangen ist. Falls man von seinen Augen aber nicht irgendwie seltsam und fehlgestellt angeglotzt werden sollte, ist das auch nicht schlimm. Im Gegenteil. In den meisten Jobs ist es ohnehin besser, keinen Knick in der Optik zu haben.