Unterm Strich

WIR MÜSSEN REDEN: Wenn Ironie auf Wirklichkeit trifft

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 03. September 2018

Kolumnen (Sonstige)

Da musste sich ein Leser den Frust von der Leber schreiben: "Die Rubrik ‚Unterm Strich‘ ist Tag für Tag das Schlechteste, das Dämlichste, was einem lesekundigen Menschen widerfahren kann." Man kann davon ausgehen, dass dieser Leser sich tatsächlich geärgert hat über die Geschichte eines erfundenen Dorfes, das im Internet ein Eigenleben entwickelt hat. Er könnte es aber auch ironisch gemeint haben, so wie in einem anderen Satz: "Lachen Ihre Kollegen bei der BZ mit uns Lesern mit und sprechen frei weg: ‚Das war ja heute wieder richtig grottig, Kollege‘?" Es gibt aber auch viele Fans dieser Rubrik.

Was sagt uns das? Ironie ist eine der schwierigsten Stilformen – im Journalismus wie in der Literatur. Sie funktioniert, wenn sich Schreiber(in) und Leser(in) auf einer ähnlichen Ebene bewegen. Und sie muss natürlich gut geschrieben sein. Je breiter die Leserschaft, desto größer ist das Risiko von Missverständnissen.

Schon Heinrich Heine hat deshalb (ironisch?) ein Ironie-Zeichen gefordert. Alcanter de Bran, auch er ein Schriftsteller, hat ein solches erfunden – den point d’Ironie, ein verwackeltes Ausrufezeichen. Es hat sich, wie spätere, ähnliche Vorschläge, nicht durchgesetzt. Wie auch? Ironie ist feines sprachliches Florett. Erst das dröhnende Internet hat mit dem Holzhammer der Emoticons alle Zweifel beseitigt, aber die Kunstform damit auch banalisiert. Man kann jetzt gefahr- und gedankenlos drauflosschreiben. Ein Zwinkergesicht gibt Entwarnung: Späßle g’macht!

Zwischen diesen beiden Polen, dem Risiko, missverstanden zu werden und der Gefahr, den Holzhammer auszupacken, bewegt sich die Rubrik "Unterm Strich". Womöglich ist es auch ein Dreieck. Karl Kraus, ein Journalist, hat diesen dritten Pol sarkastisch so formuliert: "Keinen Gedanken zu haben, aber ihn ausdrücken zu können, das macht den Journalisten." Sprichwörtlich ist dies die Fähigkeit, eine Locke auf einer Glatze zu drehen. Ein ehrgeiziges Unterfangen also, schon gar, wenn man täglich ein geeignetes Thema braucht. Diese Kolumne zu schreiben, ist also keine Strafe, wie ein Leser mutmaßt, sondern eine Herausforderung. Selbst im "Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung, der Mutter aller dieser Rubriken, finden sich immer wieder Dokumente des Scheiterns.

Sollte man also besser ganz verzichten oder bestimmte Themen meiden, deren Ironisierung bei manchen Gefühle verletzen könnte? Der Text über eine Studie, die untersuchte, welches Bild Menschen von Gott haben, hat zum Beispiel einen Leser tief getroffen. "Dieser Beitrag ist nicht nur unter dem Strich – er ist unter dem Niveau der Badischen Zeitung und für den Leser eine Zumutung und eine Frechheit." Wir wollen niemand kränken, meinen aber, dass solche Texte möglich sein müssen. Gerade an diesem prominenten Platz auf der ersten Seite.

Dort nämlich ist diese Rubrik als bewusster Kontrast gesetzt zu den wichtigen Tagesthemen und der seriösen Kommentierung im Tagesspiegel. Bestenfalls sorgt es dort für ein befreiendes Lachen vielleicht auch nur für ein ungläubiges Kopfschütteln. Im schlechten Fall führt es zu Missverständnissen wie bei dem Text "Zur Hölle mit der Kunst", über ein Objekt "schwarzes Loch", durch das ein Besucher abstürzte. Darauf schrieb ein Leser: "Wenn einem etwas fremd ist, oder man etwas nicht verstehen kann, macht man sich darüber lieber lustig, als dass man sich mit der Sache beschäftigt. Mit solch einer Einstellung und mit Sätzen wie "Doch irgendwann ist die Kunst auf Abwege geraten" bestätigt man diejenigen, die auf Fremdes und Ungewohntes nur mit Hass reagieren können." Wer liegt da fasch – Autor oder Leser? Fehlt doch ein Ironiezeichen? Denken Sie selbst.