Stilfrage: Bitte auch auf Hochdeutsch

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 23. Juni 2018

Stilfrage

In geselliger Runde mit den Freunden meines Partners, allesamt gebildete Leute und des Hochdeutschen mächtig, verläuft die gesamte Unterhaltung im breitesten Dialekt. Ich verstehe Alemannisch nur mit Mühe, jeder weiß das. Hätte mein Partner die Runde bitten dürfen, hochdeutsch zu sprechen? Hätten seine Freunde nicht von sich aus in meiner Anwesenheit auf die Mundart verzichten müssen?

Als nicht-deutschsprachige Ausländerin hätten Sie es in der Runde vermutlich leichter gehabt. Man wäre Ihnen mit Empathie und vielleicht sogar Hilfsbereitschaft begegnet. Die Runde hätte sich aufs Hochdeutsche verlagert. Sie hätte das vielleicht nicht den ganzen – geselligen – Abend durchgehalten, aber Ihre direkten Sitznachbarn hätten sicherlich hin und wieder vor allem bei witzigen Bemerkungen, die die Runde zum Lachen brachten, Übersetzungshilfe geleistet. Ihr Partner auch.

Warum wurde dieser Dienst Ihnen aber nicht zuteil? Weil generell eine heitere Stimmung die Achtsamkeit beeinträchtigt – wie Alkohol die Reaktionsfähigkeit? Vielleicht. Ich würde das Verhalten der Freunde Ihres Partners eher persönlich nehmen. Ich würde aber nicht über die Frage grübeln, warum sie Sie ignorieren, missachten oder gar für einen Fauxpas, dessen Sie sich nicht bewusst sind, abstrafen wollen. Nehmen Sie das – natürlich nicht umsichtige – Verhalten als Kompliment: Diese Leute trauen Ihnen zu, dass Sie ihnen folgen können! Zumindest trauen sie Ihnen zu, dass Sie den Mund aufmachen können, wenn Ihnen etwas zuwiderläuft: "Leute, ich würde so gern mitreden und spontan mitlachen; macht’s mir bitte nicht so schwer!"

Wäre wiederum Ihr Partner auf diese Weise für Sie in die Bresche gesprungen, hätte er das Signal gesendet: "Allein kann sie sich nicht helfen." Er hat Sie aber nicht klein gemacht. Er traut Ihnen zu, dass Sie für sich sorgen können. Nehmen Sie auch das als Kompliment.
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.