Stilfrage: "Oh, ist ja gar nicht für mich"

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 28. April 2018

Stilfrage

Wir leeren den Briefkasten, öffnen automatisch den Stapel Post. Und stellen fest: Wir lesen gerade einen Brief mit vertraulichem Inhalt, der nicht an uns, sondern an einen Nachbarn gerichtet ist. Wir lesen natürlich nicht weiter. Aber was machen wir jetzt mit diesem Brief ?

Es kommt darauf an, wie Sie sich engagieren und persönlich bekennen wollen. Sie können dem Nachbarn den offenen Brief in die Hand drücken und unverkrampft den Sachverhalt erklären. Ob er sich ärgert? Über Sie? Über den Postboten? Vielleicht empfindet er den Vorfall gar nicht als so unangenehm wie Sie.

Sie können den Brief dem Empfänger kommentarlos in den Briefkasten werfen. Er wird rätseln, wer nun worüber informiert ist. Oder auch nicht. Sie können dem Absender – Amt, Arztpraxis, Gericht, Inkassobüro, was auch immer – das corpus delicti vorbeibringen mit der Bitte, ihn neu zu verschicken. Sie können Ihre Poststelle zu mehr Sorgfalt bei der Zustellung auffordern. Sie können im Gegensatz zu alldem anonym den Brief, wie er ist, in den Kasten an der Hauptpost werfen. Sie können ihn in einem neutralen Umschlag erneut verschicken. Kostet Sie gut 70 Cent. Sonst nichts.
Sie können alle Spuren beseitigen und den Brief – sicherheitshalber geschreddert – in den Müll werfen; eine Mahnung oder andere Erinnerung wird Ihr Nachbar schon bekommen. Sie werden ja nicht auf die Idee kommen, den Brief aufzuheben.

Was Sie auch tun: Wie man Zahnpasta nicht zurück in die Tube drücken kann, können Sie das Geschehene nicht ungeschehen machen; Sie werden den Nachbarn mit anderen Augen betrachten – je nachdem, was Sie gesehen haben, sogar mit gnädigerem Blick. Aber Sie können in der Begegnung mit den Nachbarn so tun, als sei nichts gewesen. Und in Zukunft auf den Adressaten achten, bevor Sie einen Brief öffnen.

Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.