Wir müssen reden

Überschriften im Präsens – geht das?

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Di, 22. Mai 2018

Wir müssen reden

Sprache und Journalismus – das ist eine besondere, nicht immer schmerzfreie Beziehung. Wie haltet ihr es mit den Zeiten? Die Frage kommt harmlos daher, hat es aber in sich. Doch zitieren wir die Leseranfrage zunächst korrekt. "Als langjähriger Abonnent Ihrer Zeitung stelle ich immer wieder fest: Überschrift in Gegenwart – Freiburg wählt – Artikel in Vergangenheit – Horn holte..., Salomon kam auf… Warum? Die Wahl war gestern."

Wohl war. Die strenge Lehre hätte in der Überschrift freilich nicht das Imperfekt, sondern das Perfekt gesetzt: "Freiburg hat Horn gewählt." Aber wer will das lesen? Journalisten sind hier in einem Dilemma, seit es sie gibt. Sie versorgen Leserinnen und Leser oft mit Informationen, die schon abgeschlossen sind, wenn diese sie erreichen. Die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten durch das Internet hat diesen Zwiespalt nur größer werden lassen.

Andererseits schielen Journalisten gerne auf die Literatur, auch wenn ihr Handwerk allenfalls Literatur in Eile sein kann. Die Gegenwartsform wird daher gerne mit dem Verweis auf den alten Römer Julius Caesar und dessen Buch über den Gallischen Krieg verteidigt. Diese Stilform nennt man "klassisches Präsens". Man kann es schlichter erklären: Das Präsens verstärkt die Aktualität. Er gibt der Geschichte mehr Tempo und erhöht die Spannung. Zugleich nähern Journalisten sich damit der Alltagssprache an. Deshalb ist die Gegenwart auch die gebotene Stilform der Reportage. In seriösen Nachrichten ist sie verpönt. In Überschriften, auch in nachrichtlichen, breitet sich das Präsens immer weiter aus. Das hat damit zu tun, dass ein Autor oft nur wenige Sekunden Zeit hat, um Leserinnen und Leser zu überzeugen, dass es sich lohnt, eine Geschichte zu Ende zu lesen. Überschriften sind da erste Eindrücke. Einen zweiten gibt es nicht. Untersuchungen zeigen, dass die Hälfte aller Leser nur noch Überschriften liest.

Die "Nachricht über der Nachricht" (Wolf Schneider, Gründer der Journalistenschule von Gruner + Jahr) gewinnt deshalb eine übersteigerte Bedeutung und wird zudem so zugespitzt, dass sie im besten Fall die Geschichte auf dem Punkt bringt, im schlechten Fall aber ins Marktschreierische abgleitet oder auf eine falsche Spur führt. Dies ist der schmale Grat zwischen seriösen Medien und Boulevard, wo Lesern das Gefühl vermittelt werden soll, sie seien unmittelbar am Geschehen beteiligt.

Dass das Spiel mit den Zeitfolgen auch zu absurden Ergebnissen führen kann, zeigt sich in einer Agenturmeldung, die am 14. Mai in der Badischen Zeitung zu lesen war: "Ein 41-Jähriger hat in Baden-Baden auf frischer Tat einen Einbrecher dingfest gemacht, der über ein Baugerüst in sein Schlafzimmer eingestiegen war. Er erwachte aus dem Schlaf und überwältigte mit einem Verwandten, der nebenan schlief, den Einbrecher." Der Spruch "Das kann ich im Schlaf" gewinnt so plötzlich eine durchaus kraftvolle Bedeutung.