UNTERM STRICH: 20 Sekunden zu früh

Angela Köhler

Von Angela Köhler

Di, 21. November 2017

Kolumnen (Sonstige)

Eisenbahngesellschaft in Japan entschuldigt sich für Unpünktlichkeit / Von Angela Köhler.

"Wir bitten zutiefst um Entschuldigung!"  Mit maximaler japanischer Höflichkeit bat eine Bahngesellschaft ihre Passagiere um Verzeihung für eine winzige Unpünktlichkeit. Der Zug hatte jedoch keine Verspätung, sondern fuhr zu früh ab – 20 Sekunden.  Obwohl sich kein Kunde beschwert hatte, entschuldigte sich der Betreiber auf seiner Website. Die Zugführer, so ließ er verlauten, hätten das Versehen verursacht. Man habe die Crew getadelt und angewiesen, die vorgeschriebenen Aktionen genau einzuhalten, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Japans Züge sind weltberühmt für ihre Genauigkeit. Die durchschnittliche Verspätung im Fernverkehr beträgt 36 Sekunden. Zum Vergleich: In Deutschland gilt ein ICE als pünktlich, wenn sich die Ankunftszeit um fünf Minuten verzögert. Im japanischen Personennahverkehr sieht die Statistik allerdings nicht so glänzend aus. Taifune und Erdbeben haben die amtlich erfassten Verspätungen leicht erhöht. Aber auch im Nahverkehr funktioniert das "System Japan" überdurchschnittlich gut. Der Großraum Tokio besitzt das umfangreichste Nahverkehrsnetz der Welt mit 158 U- und S-Bahn-Linien. Dieser gewaltige Wirtschaftsraum der Metropole mit 37 Millionen Bewohnern ist mit 2200 Stationen verbunden. Jeden Tag werden mehr als 20 Millionen Passagiere transportiert.

Der verrückteste Bahnhof ist Shinjuku im Westen Tokios. Diesen größten Verkehrsknotenpunkt mit einem Labyrinth an Bahnlinien, Einkaufspassagen und Restaurants muss man gesehen haben. Auf dieser Station, die es als verkehrsreichster Bahnhof in das Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat, kommen täglich drei Millionen Menschen an. Hier verzweifeln selbst Tokioter.  Dramatisch für den Ungeübten ist die morgendliche Rush Hour, wenn pro Sekunde 500 Fahrgäste auf die Bahnsteige drängen. Auf dem Bahnhof operieren zu Stoßzeiten die ominösen Fahrgastverdichter, die die Menschen in die Waggons schieben. Und sich natürlich ständig entschuldigen.