UNTERM STRICH: Ach Du liebes Wienerle

kerl

Von kerl

Fr, 18. November 2016

Kolumnen (Sonstige)

Der erste Großmetzger sagt das Ende des Fleischkonsums voraus / Von Holger Knöferl.

Der neue Bekannte ist immer noch auf 180. Als endlich die Zusage vorlag für den begehrten Platz in einer südbadischen Kita, da stellte er die Frage nach dem Essensangebot. Nun, so lautete die Antwort, die Kita besuchten Kinder aus 20 verschiedenen Nationen, unter ihnen Veganer, Vegetarier, Allergiker – und wenn schon Fleisch, dann nur Pute oder auf gar keinen Fall Schwein. Die Lösung des Problems: "Bei uns gibt es nur vegetarisch."

Er ist gewiss kein Dogmatiker, der neue Bekannte. Aber ein anständiges Stück Fleisch gehört für ihn zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung dazu, vom Genuss mal ganz abgesehen. Auf dem Heimweg von der Kita stoppte er beim Metzger seines Vertrauens – und drückte zu Hause seinem verdutzten Zweijährigen erst mal ein Wienerle in die Hand; wie das übrigens jede anständige Fleischereifachverkäuferin seit Menschengedenken tut, ohne dass auch nur ein einziges Kind aus eigenem Antrieb dagegen protestieren würde.

Der neue Bekannte muss sich auf harte Zeiten einstellen. In 20 Jahren gibt es zwar noch eine Wurst, aber die muss deshalb noch lange kein Fleisch enthalten. Christian Rauffus ist Chef des Wurstherstellers "Rügenwalder Mühle". Das Unternehmen verdient mit seinen Produkten ordentlich Geld, so viel jedenfalls, dass man bundesweit im Fernsehen für Fleischiges werben kann. Aber: 20 Prozent des Umsatzes machen die Großmetzger bereits mit vegetarischen Produkten. Und in 20 Jahren, erklärte Rauffus jetzt in einem Interview mit der FAZ, sei es durchaus denkbar, ganz ohne Fleisch zu arbeiten. Eine Wurst sei "zwar lecker, ernährungsphysiologisch aber nicht so der Brüller." Und die CO2-Bilanz eines Steaks sei miserabel.

Mut hat er ja, der gute Mann. Aber mal ehrlich: Wurst weg, das kann doch nicht wirklich die Lösung des Problems sein. Denn die ganzen Blümchen, Hälmchen und Stängelchen, die wir uns in Zukunft einverleiben sollen – die haben doch auch eine Seele.