UNTERM STRICH: Alter Falter! Eine Straße fürs Insekt

Bernhard Honnigfort

Von Bernhard Honnigfort

Mi, 09. Mai 2018

Kolumnen (Sonstige)

Im Weserbergland soll eine Bundesstraße gesperrt werden / Von Bernhard Honnigfort.

Man darf wohl behaupten, die Welt wäre ein besserer Ort, teilten alle Erdbewohner die Gemütsruhe von Herrn Tobias Woitendorf aus Mecklenburg-Vorpommern. Bei Tribsees an der Autobahn 20 zerbricht seit Monaten die Fahrbahn in kleine Betonstücke, was daran liegt, dass sie auf nachgiebigem Torf gebaut wurde. Nun aber sackt auch noch die Umleitungsstraße an einigen Stellen weg. Was sagt Herr Woitendorf vom Landestourismusverband dazu? Er sagt, man müsse mit der Situation umgehen.

Mit der Situation umgehen ist keine schlechte Idee. Wahrscheinlich sogar das Beste, was man tun kann, wenn man eigentlich gar nichts tun kann, weil man als Mensch den geologischen Kräften der Erde und der Nachgiebigkeit von Torf wenig entgegenzusetzen hat. Doch was auf vorpommerschen Torf gelingen mag, muss nicht im Weserbergland funktionieren.

Dort ist die Situation, mit der man gerade umgehen muss, eine ganze Umdrehung absurder. Entlang der Bundesstraße 83 im Kreis Holzminden bröseln die bis zu 80 Meter hohen malerischen Kalksteinfelsen, was gefährlich werden kann. Dummerweise bröselt der Steilhang nicht nur, er ist auch ein Fauna-Flora-Habitat-Gebiet und der streng geschützte Lebensraum eines hübschen kleinen Falters mit zwei kuriosen Namen: der Spanischen Flagge alias Russischer Bär.

Ein Herr von der Straßenbaubehörde sagte kürzlich im NDR, natürlich könnte man Stahlnetze, Schutzzäune oder Felsanker einbauen. Nur gehe das eigentlich doch nicht, weil es den Fels beeinträchtigen würde. Mit der Situation umgehen heißt im Weserbergland: Man holt sich eine Ausnahmegenehmigung von der EU-Kommission in Brüssel und bis dahin bleibe die B83 eben gesperrt. Das kann durchaus Jahre gehen; zwei Dörfer würden fast komplett von der Restwelt abgeschnitten. Das ist dann eine Situation, mit der vermutlich auch seelisch ausbalancierte Ostseeküstenbewohner nicht mehr umgehen könnten. Das wäre, käme es so: blanker Irrsinn.