UNTERM STRICH: Danke für meine Arbeitsstelle

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Do, 23. November 2017

Kolumnen (Sonstige)

Selbstverständlich ist gar nichts, das wissen auch Journalisten / Von Heidi Ossenberg.

Danke, dass Sie diesen Text hier lesen. Das ist ja nicht selbstverständlich, Sie könnten es genauso gut nicht tun. Ich habe ja keinen Einfluss darauf, was Sie lesen. Als Kind musste ich mich häufig bedanken. Meine Eltern waren nicht sehr streng, aber Danke-Sagen, das war Pflicht. Nicht nur, wenn es zum Geburtstag oder zu Weihnachten Geschenke gab.

Bevor wir zum Erntedankgottesdienst gingen, begleitete mein Vater uns in den Garten. Dort grub er ein paar Kartoffeln aus, die meine Schwester und ich dann mit in die Kirche nahmen. "Wir sagen Danke für die Ernte und dafür, dass wir ausreichend zu essen haben", erklärte er. Als Junge hatte er Zeiten erlebt, in denen es nicht genug Essen für alle gab. Uns leuchtete das ein.

In Amerika wird das Erntedankfest immer am vierten Donnerstag im November gefeiert – also heute. Aus diesem Anlass ist die Pressesprecherin des US-Präsidenten auf eine gute Idee gekommen: Sie hat die Journalisten auf der letzten Pressekonferenz vor diesem hohen Feiertag im Weißen Haus gebeten, doch kurz zu sagen, wofür sie dankbar sind – bevor sie ihre Fragen stellten. Ich muss sagen, auf einer Pressekonferenz habe ich mich noch nie bedankt. Ich bin nicht sicher, ob meine Eltern doch einen Fehler in der Erziehung gemacht haben – diese Situation hatten sie wohl einfach nicht im Sinn.

Die amerikanischen Kolleginnen und Kollegen, die ja seit einem guten Jahr enorme Flexibilität auf Pressekonferenzen des Weißen Hauses zeigen müssen, reagierten total souverän: Eine hat sich für den ersten Verfassungszusatz bedankt, der die Pressefreiheit festschreibt. Ein anderer teilte mit, wie dankbar er ist, dass er die zwölftägige Asienreise mit dem Präsidenten überlebte. Und dann kam Donald Trump in den Raum und sang: "Danke für meine Arbeitsstelle, danke, für jedes kleine Glück. Danke für alles Frohe, Helle und für die Musik". Ok, die letzen beiden Sätze sind ausgedacht. Aber danke, dass Sie bis zuletzt gelesen haben!