UNTERM STRICH: Diagnose: Morbus Google

Holger Knöferl

Von Holger Knöferl

Di, 14. August 2018

Kolumnen (Sonstige)

Die Selbstuntersuchung im Netz nutzt meistens wenig / Von Holger Knöferl.

Ein Universalgelehrter ist ein Mensch mit einem riesigen Wissen. So einer weiß Bescheid und zwar auf den verschiedensten Fachgebieten. Um es etwas vereinfacht zu sagen: Ein Universalgelehrter ist so eine Art Einser-Abiturient in XXL. Präziser lässt sich das leider nicht veranschaulichen. Es gibt nämlich keine Universalgelehrten mehr, ihre Zahl nahm im Lauf des 19. Jahrhunderts immer weiter ab. Goethe galt als einer, Leonardo da Vinci auch.

Ihr Verschwinden liegt nun beileibe nicht daran, dass die Menschheit dümmer geworden wäre. Sondern daran, dass das verfügbare Wissen heute schlicht und einfach unüberschaubare Dimensionen angenommen hat. Dieser Tage darf es schon als bewundernswert gelten, wenn eine einzelne Person den Überblick über ein Wissensgebiet hat.

Aber Achtung: Sind wir nicht längst alle ein bisschen universalgelehrt? "Ask Dr. Google – Frag Dr. Google", ist doch ein geflügeltes Wort. Und jener Dr. Google liefert uns die Antwort auf jede Fragestellung in Sekundenbruchteilen.

Insbesondere mit dem Namenszusatz "Dr." nehmen es viele Zeitgenossen mittlerweile zu genau. Und bombardieren die Suchmaschine mit all ihren Zipperlein. Das führt nun aber oft gar nicht zur Linderung. Drei Viertel der Befragten einer Umfrage der Krankenkasse KKH fühlten sich nach der selbst organisierten Online-Sprechstunde verunsichert. Denn beim Stichwort "Kopfschmerzen" bekommt man nicht nur "Migräne" oder "Verspannungen" als Diagnose, sondern auch "Hirntumor". Obacht: Jetzt droht "Morbus Google", die zwanghafte Sucht nach einer passenden Internetdiagnose mit oft abenteuerlichen Resultaten.

Digitalisierung hin, Digitalisierung her: Der "Dr.", der wirklich hilft, ist zwar kein Universalgelehrter, hat aber sehr viel Fachwissen an einer Universität erworben. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und derjenige, der die Fragen stellt. Googeln sollte man allenfalls die Adresse. Danach heißt es: Hingehen! Rät sogar die Krankenkasse.