UNTERM STRICH: Die gegenderte Oper

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 11. Januar 2018

Kolumnen (Sonstige)

In Florenz muss Carmen Don José auf der Bühne ermorden / Von Alexander Dick.

Nicht jede Opernfigur muss, weil sie von einem Tenor verkörpert wird, gleich strahlender Held sein. Don José zum Beispiel: Soldat, kommt vom Lande, verfällt, obgleich dort liiert, in Sevilla der Magie einer gewissen Carmen. Er hilft ihr bei der Flucht, wird bestraft, folgt ihr zu ihren Schmugglerfreunden und, und, und.

Die Geschichte kennt jeder Opernfreund in- und auswendig. Carmen spürt, dass der Spießer José sie nicht so liebt, wie sie es möchte, er ist ihr verfallen, verfolgt sie, bis es vor der Stierkampfarena in Sevilla zum Showdown kommt: Carmen tötet Don José. Wie? Falsch rum? An der Oper in Florenz ist es gerade so zu erleben. Regisseur Leo Muscato hat sich für eine Umkehrvariante des Librettos entschieden: Carmen erschießt Don José.

Nicht dass es um den Typen schade wäre. Erstens ist er ein Schwächling, zweitens Stalker und drittens ist die Oper so oder so zu Ende. Aber könnte es womöglich nicht auch sein, dass sich der französische Schriftsteller Prosper Mérimée etwas dabei gedacht hatte, als er in seiner 1847 erschienenen gleichnamigen Novelle Carmen, deren Wesen Freiheitsliebe und Fatalismus sind, von Don José umbringen ließ. Weshalb der Komponist Georges Bizet und seine beiden Librettisten sich eben dieser Variante für ihre 1875 uraufgeführte Oper anschlossen. Klar, einen anderen umzubringen, ist grundsätzlich nicht nett. Wird die Sache indes besser, will heißen: frauenfreundlicher, wenn beim Töten künftig auf der Bühne gegendert wird? Wenn also Desdemona Othello meuchelt, statt umgekehrt? Wenn Woyzeck/Wozzeck von seiner Marie getötet wird? Oder wenn, besonders schwieriger Fall, am Ende die biblische Salome am Leben bleibt? "Warum sollen wir applaudieren, wenn eine Frau stirbt?", soll der Florentiner Opernchef Cristiano Chiarot gefragt haben. Das Premierenpublikum schien eine andere Frage zu bewegen: Warum sollte man applaudieren, wenn die Opernbühne mit einer Gleichstellungsstelle verwechselt wird. Und buhte – politisch eher unkorrekt.