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06. Februar 2012

UNTERM STRICH: Fisch schwimmt, Mensch spinnt

Warum hierzulande nur Zuchtfisch auf dem Tisch landen darf / Von Charlotte Janz.

Schepper. Klirr. Wieder einmal ist ein Weltbild in die Brüche gegangen. Fisch aus freier Wildbahn ist gut, Aquakulturen sind böse. Richtig? Falsch. Lebensmittel- und Umweltchemiker erörtern auf Kongressen derzeit ein bizarres Problem: Legt man das Lebensmittelrecht konsequent aus – und so etwas tun wir Deutschen doch gerne – gehört der Handel mit heimischem Fisch aus freier Natur verboten. Nur glitschige Gefährten aus künstlichen Anlagen dürften noch verspeist werden.

Hinter diesem Paradoxon steckt der Mensch. Und das gleich zweimal. Er ist der Grund für die Verschmutzung von Seen und Flüssen, aus denen Aale und Brassen gezogen werden, die Rückstände verbotener Medikamente aufweisen. Die Stoffe heißen, an sich recht sympathisch, Kristallviolett und Malachitgrün. Und der Mensch ist der Grund dafür, warum jeder dieser Fische, mag er auch noch so hauchzart belastet sein, eigentlich nicht in der Pfanne landen darf: Er fürchtet, die Stoffe könnten krebserregend sein. Daher rührt eine Nulltoleranz für hiesige Fische, die Spuren davon enthalten. So will es die Regel in Artikel 10 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzes. Und null heißt null. Ja? Nein.

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Denn, wenn es um Fischgenuss geht, werden wir braven Deutschen zu richtigen Regel-Rowdys. Plötzlich ist die Zahl null bei Messungen sehr dehnbar. Schon der österreichische Dichter Ernst Jandl stellte in "Der Fisch" den Fischesser mit seinem "triefenden Maul" als jemanden dar, mit dem nicht zu spaßen ist. Eine Einhaltung der Nulltoleranz sei schlichtweg utopisch, heißt es in Fachkreisen. Denn Spuren der Stoffe sind nun mal in der Natur und damit im Fisch. Der Beruf des Binnenfischers wäre hinfällig, folgte man der Regel. Und Jandls "lechzender Vielfraß" könnte sich nur an rückstandfreiem Fisch aus aufbereiten Trinkwasseranlagen gütlich tun. Nun gibt es Bestrebungen, die Nulltoleranz der Realität anzupassen. Damit wieder alles seine Ordnung hat. Rebellion ist schön und gut, aber Regeltreue liebt man hierzulande nun mal mehr.

Autor: cjz