UNTERM STRICH: Für Elke

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 26. April 2018

Kolumnen (Sonstige)

Martin Walser ist wieder ein persönliches Buch abhandengekommen / Von Bettina Schulte.

Warum so etwas nur immer wieder Martin Walser passiert! Vor sechs Jahren ging ein Hilferuf durch die Presse: Der große alte Mann vom Bodensee hatte ein wichtiges Notizbuch im Zug liegengelassen. Auf dem Weg von Friedrichshafen nach Innsbruck. Ein sehr wichtiges! Sein Tagebuch! Die Notizen dieses Schriftstellers, seine Reflexionen und (Selbst-)Beobachtungen sind naturgemäß immer sehr wichtig. Umso erstaunlicher, dass er das wertvolle Manuskript verwaist zurückließ in der Deutschen Bahn.

Ob ihm sein Tagebuch wieder zugeführt wurde, wissen wir nicht. Nun dräut neues Ungemach: Bei einer Lesung in Weingarten im Oberschwäbischen hat Walser das persönliche Exemplar seines neuen Buchs "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" verloren. Verloren? Wahrscheinlich hat es eine Anhängerin widerrechtlich an sich genommen. Oder doch nur aus Versehen? Nach dem allfälligen Signierritual lag jedenfalls nur noch ein Exemplar mit der Widmung "Für Elke", aber ohne die Anmerkungen von des Dichters Hand auf dem Tisch.

Eine schnöde Verwechslung? Oder hat sich besagte Elke etwa kühn an die Stelle der unbekannten Geliebten gesetzt und sich zur Adressatin von Walsers intimem Lesungsexemplar gemacht? Wollte gar der Autor, dessen Protagonist im Buch so verzweifelt auf der Suche nach einer Ansprechpartnerin ist, die Sache unbewusst für diesen übernehmen? Wir wissen es nicht. Aber die Tatsache, dass sich "Elke" (oder wer immer) offenbar noch nicht gemeldet, hat, lässt eine größere Verwicklung befürchten – so groß, dass sich jetzt sogar die Deutsche Presse-Agentur eingeschaltet hat, um dem 91-jährigen Altmeister zu helfen. Und dies geschah wohl auf das dringliche Bitten der Stadtverwaltung. Das Abhandenkommen des heiligen Walser-Exemplars in ihrem Hoheitsbereich kommt ganz offenbar einer Katastrophe gleich. Vielleicht hilft auch ein Gebet. Der heilige Antonius, Katholiken wissen das, hat manch verlorenes Gut wieder zurückgebracht.