UNTERM STRICH: Genies unter sich

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 16. Juni 2017

Kolumnen (Sonstige)

Aber, aber: Bob Dylan wegen Nobelpreis-Lecture unter Plagiatsverdacht/ Von Alexander Dick.

Schon mal abgeschrieben? Irgendwann, irgendwo? Sie dürfen sich an dieser Stelle gerne outen, denn wer plagiiert, befindet sich in keiner schlechten Gesellschaft. Da gab es mal den Freiherren mit dem christlich-sozialen Anspruch, der über seine eigene Dissertation stolperte. Und dann in den USA und bei der EU-Kommission beratend wirkte – und neuerdings auch wieder bei der Seehofer-Partei. Alles gut.

Plagiieren ist im Grunde erst so eine neumodische Erfindung. In alten Zeiten etwa wurde einfach abgeschrieben, nicht auf Quellen geschaut und nach Urheberrecht gefragt. Mozart zum Beispiel zitierte in seiner Musik andere. Oder auch sich selbst. Sein Eigenzitat aus "Figaros Hochzeit" in "Don Giovanni" zum Beispiel ist genial. Mozart war einfach ein Genie.

So wie Bob Dylan. Das Genie zeichnet sich eben nicht nur dadurch aus, wie Schopenhauer sagt , dass es "in einer andern Welt" lebe. Es könne "niemals Unrecht haben", meint Igor Strawinsky. Deshalb ist es völlig unerheblich, ob Bob Dylan in seiner vielgepriesenen Nobelpreis-Vorlesung abgeschrieben hat, wie missgünstige Zeitgenossen nun schon wieder herausgefunden haben wollen. Als Genie darf er das. Ganz abgesehen davon, dass es ja gar nicht erwiesen ist, dass Dylan den hochgelobten Text selbst verfasst hat. Ein Genie könnte auch für sich arbeiten lassen – theoretisch. Dann wäre – praktisch –, wenn überhaupt, nur die Auswahl der Schreibbeauftragten zu kritisieren.

Das tut Andrea Pitzer indes nicht. Die Autorin und Journalistin will mindestens 20 Passagen über Herman Melvilles "Moby Dick" in Dylans Lecture gefunden haben, die Passagen auf der Website SparkNotes ähnelten. Weil er dort zum Beispiel Melville etwas in den Mund gelegt hat, was so bei ihm nicht zu finden sei. Wohl aber bei Dylan. Ergo … Beweisführung nachvollziehbar. Aber so etwas tut man nicht. Bob Dylan ist ja nicht nur Genie. Er ist auch Ikone vieler Zeitgenossen. Frau Pitzer ahnt wohl nicht, dass die es sind, die sie verletzt. Denn ihnen bleibt, im Unterschied zum Genie, nur diese Welt.