UNTERM STRICH: Heimatliebe geht durchs Ohr

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Mi, 11. April 2018

Kolumnen (Sonstige)

Im niederländischen Jelsum spielt eine Straße die friesische Hymne / Von Manuel Fritsch.

Mit dem Patriotismus ist es wie mit jeder Liebesbeziehung auch: Wenn man sich nicht regelmäßig an die Liebe erinnert, verblasst das Gefühl, werden die unsichtbaren Bande schwächer. Deshalb verabreden sich auch langjährige Ehepaare ab und an zu einem romantischen tête-à-tête, um die Liebe lebendig zu halten.

Auch die Heimatliebe braucht solch kleine Erinnerungsstützen. Und so zieht es den Freiburger regelmäßig auf den Schauinsland wie den Münchner in den Biergarten. Dort kann man sich dann versichern, dass man in der schönsten aller möglichen Regionen lebt und dass die Liebe zu dieser noch lebendig ist. Das verlangt aber ständige Anstrengung.

Im Dorf Jelsum im niederländischen Friesland lässt sich die eigene Heimatliebe dagegen ganz mühelos auffrischen, im Vorbeifahren sozusagen. Denn die dortige Straße N 357 ist eine singende Straße. Rillen im Asphalt erzeugen beim Darüberfahren ein Geräusch. Fährt man mit genau 60 Stundenkilometern, ertönt die friesische Hymne. Was eine witzige Aktion sein sollte, hat lauter ernste Vorteile: steigenden Lokalpatriotismus, Verkehrssicherheit – schließlich erklingt der Asphalt nur bei moderater Geschwindigkeit –, und auch die ewigen Streitereien über Radiosender werden in den friesischen Autos abklingen. Die Idee kommt aus Japan, wo die Straßen bekannte Popsongs singen. Der Autobauer Honda brachte gar eine Rossini-Melodie auf die Straße.

Doch wie das so ist, rufen musikalische Experimente scharfzüngige Musikkritiker auf den Plan. Der Asphalt-Rossini klinge scheußlich, hieß es, manchen erinnerte die Straßenmusik an einen Zahnarztbohrer. In Jelsum sprach eine von der ständigen Bedudelei entnervte Anwohnerin gar von "seelischer Folter". Der singende Weg soll daher noch in dieser Woche zum Schweigen gebracht werden und wird sich wohl nicht durchsetzen. So muss der Freiburger auch zukünftig auf das Badnerlied auf seinen Straßen verzichten. Aber er kann es ja auf dem Weg zum Schauinsland pfeifen.