UNTERM STRICH: "Hiermit bewerbe ich mich für..."

Barbara Schmidt

Von Barbara Schmidt

Di, 26. Juni 2018

Kolumnen (Sonstige)

Die Bahn macht’s möglich: Karriere ohne Bewerbungsschreiben / Von Barbara Schmidt.

Dass gute Englisch-Kenntnisse kein Kriterium sein können, um bei der Deutschen Bahn einen Job zu bekommen, wissen wir. Jeder, der im ICE einmal "Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn" aus den Lautsprechern schnarren hörte, wird zustimmen. Jetzt will der Staatskonzern potentiellen Bewerbern die nächste Hürde aus dem Weg räumen: Angehende Auszubildende müssen kein Bewerbungsschreiben mehr verfassen. Sie brauchen nur noch auf einer Internet-Plattform ihren Lebenslauf und Zeugnisse hochzuladen – fertig ist die Bewerbung.

Kein Kopfzerbrechen mehr über Formulierungen oder gar einen überraschenden ersten Satz, der die Personalchefin vom Hocker (eher vom ergonomisch geformten Bürodrehstuhl) haut. "Hiermit bewerbe ich mich für..." kann jeder; Karriere macht aber nur, wessen Bewerbung aus der Masse hervorsticht.

Wie hat sich unsereins damit gequält, Arbeitgeber schriftlich davon zu überzeugen, warum ausgerechnet er/sie – und zwar nur er/sie – der/die Richtige für die Stelle ist. Ein gutes Anschreiben kann die Tür zum Vorstellungsgespräch aufstoßen, hieß es immer. In Zukunft könnte der kompetente Umgang mit Internet-Tools entscheidender sein als eine fehlerfreie Orthographie. Von Herbst an will die Bahn auf die schriftliche Visitenkarte künftiger Azubis verzichten. So ein Motivationsschreiben sei für Schüler schon schwierig, sagte die Leiterin der Personalgewinnung in Baden-Württemberg, Carola Hennemann, der Deutschen Presse-Agentur. Doch nicht nur die Jugend, auch andere Bewerber sind laut Hennemann froh, wenn sie nicht so viel schreiben müssen. Daher wird die Bahn möglicherweise bald in weiteren Bereichen auf das Anschreiben verzichten. Der Konzern ist in (Personal-)Not, weil etwa die Hälfte der Belegschaft in den nächsten zehn Jahren in Ruhestand gehen wird. Die Lücke muss geschlossen werden – egal wie, sonst ist bald keiner mehr da, der sich bei den Passagieren für die Fahrt mit der Deutschen Bahn bedanken kann.