UNTERM STRICH: In Abwesenheit verheiratet

Matthias Weniger

Von Matthias Weniger

Sa, 18. August 2018

Kolumnen (Sonstige)

Wenn die Hochzeit eines Anderen irgendwie auch die eigene ist / Von Matthias Weniger.

Fast 40 und noch unverheiratet – da beginnt der soziale Druck, endlich in den Hafen der Ehe einzulaufen, so langsam zu wachsen. Im Büro genießt man als einziger Single-Mann der Abteilung sowieso schon Exoten-Status, die Eltern fragen quartalsweise an, ob sie irgendwann noch Großeltern werden, und im Freundeskreis haben die meisten Paare das verflixte siebte Jahr bereits hinter sich.

Nun gilt der Beruf des Journalisten nicht als besonders familienverträglich: Während Familien-Radtouren durchs sommerliche Südbaden rollen, ist Sonntagsdienst in der Redaktion angesagt, und statt eines romantischen Abends mit der Gattin wird es im Büro schon mal kurz vor Mitternacht. Nicht die besten Voraussetzungen, zumal zum Heiraten stets zwei gehören. Weil aber die Beziehung zur einzigen infrage kommenden Traumfrau rein freundschaftlicher Natur ist, lassen wir den Verlobungsring erst mal stecken.

Da kommt es gerade zupass, dass der Vor- und auch noch Nachnamensvetter im 2700-Einwohner-Dorf nicht nur seine Hochzeit in der Zeitung ankündigt, sondern auch die Taufe des Kindes. Sechs Richtige im Lotto wären angesichts des nicht gerade allerweltsmäßigen Namens wohl wahrscheinlicher. Kaum ist die Nachricht in der Welt, können sich die verhinderten Großeltern vor Glückwünschen kaum retten und gehen ganz auf in ihrer neuen Rolle. Die Kollegen allerdings reagieren schockiert, als der vermeintliche Bräutigam am Sonntag nach der Hochzeit schon wieder im Büro sitzt. Selbst eine bei Mark Twain entlehnte Klarstellung auf Facebook ("Die Gerüchte über meine Hochzeit und Vaterschaft sind stark übertrieben...") überzeugt kaum. Ein paar Enttäuschte, die gerne eingeladen gewesen wären, hoffen aufs "nächste Mal".

Die erfreulich stressfreie und kostengünstige Scheinvermählung hat allerdings auch Schattenseiten: Sonderurlaub gibt’s wohl nur, wenn ein Standesbeamter involviert war, und Geschenke sind bislang auch eher Mangelware.