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12. Juni 2012

UNTERM STRICH: Mal eben die Tochter vergessen

Warum eine Panne des britischen Premiers einen seiner Minister nervt / Von Peter Nonnenmacher.

Er ärgert sich, David Camerons Minister für Kommunales, Eric Pickles. Der konservative Politiker findet, dass es britische Problem-Familien zu lang zu leicht gehabt haben. Am Montag enthüllte er nun eine Regierungsinitiative, die Gemeinden zu einer Politik der harten Hand gegenüber solchen Familien anhalten will. Man müsse "eben auch mal Schuld zuweisen". Zum offiziellen Auftakt der Aktion war Pickles aber schon die Lust an regierungsamtlicher Schuldzuweisung vergangen. Denn am selben Morgen wurde bekannt, dass Cameron und seine Frau Samantha ihre achtjährige Tochter in einer Wirtschaft vergessen hatten. Und wessen Schuld war das?

Die Camerons waren nach dem Mittagessen ohne das Kind nach Hause aufgebrochen. Sie hatten das Fehlen der kleinen Nancy erst bemerkt, als sie auf dem Wochenendlandsitz des Premiers, in Chequers, angekommen waren. Möglicherweise erkundigte sich der sechsjährige Arthur, was denn aus seiner großen Schwester geworden sei. Der Vorfall soll sich vor zwei Monaten zugetragen haben. Bis das Boulevardblatt Sun am Wochenende Wind von der Sache bekam, hatte man alles schön unter Verschluss gehalten. Im Grunde sei es ja niemandes Fehler gewesen, suggerierte die Regierungszentrale. Sondern nur ein Missverständnis, wie es in den besten Familien vorkommt. Die fürs Wochenende in Chequers weilenden Camerons waren – wie so oft, und zusammen mit zwei befreundeten Familien – auf einen kleinen Imbiss und ein Schlückchen Wein ins nahe Plough Inn, in Cadsden in der Grafschaft Buckinghamshire, gefahren. Sie nahmen zwei separate Wagen, auf die sich auch ihre Leibwächter verteilten. Als man sich aber zur Heimfahrt rüstete, war David Cameron davon ausgegangen, dass Nancy bei Mutter Samantha, Bruder Arthur und der 22 Monate alten Florence im Wagen war. Samantha Cameron glaubte, dass David Nancy bei sich hatte. Tatsächlich war die Kleine aber auf der Toilette, als sich die lustige Lunch-Gesellschaft auf den Heimweg machte. Die Gastwirte staunten nicht schlecht, als sie die vergessene Tochter des Premierministers entdeckten. Nicht weit entfernt, in Chequers, bemerkte man beim Öffnen der Wagentüren den Verlust. David Cameron, heißt es, habe sich sofort auf den Weg gemacht. Nicht länger als 15 Minuten sei das Kind elternlos gewesen. Die von Camerons Mitarbeitern alarmierten Pub-Leute hatten ihm bereits bestätigt, dass "alles in bester Ordnung" war. Nancy, erklärten sie dem verblüfften Vater, habe freundlicherweise beim Bedienen ausgeholfen. Man darf davon ausgehen, dass ein stattliches Trinkgeld fällig war. Und niemand von "Problem-Familien" redete.

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Autor: no