UNTERM STRICH: Molière meldet sich per Mail

Axel Veiel

Von Axel Veiel

Mo, 09. Oktober 2017

Kolumnen (Sonstige)

Französische Beamte vertrauen auch ganz alten Absendern / Von Axel Veiel.

Beamte des französischen Wirtschafts- und Finanzministeriums sind in ihrem E-Mail-Briefkasten auf außergewöhnliche Post gestoßen. Schon der Absender! Jean-Baptiste Poquelin, Emma Bovary oder auch Thérèse Desqueyroux waren als Verfasser ausgewiesen. Was nur heißen konnte: Frankreichs großer Dramatiker Molière (1673 verstorben), hatte sich unter seinem bürgerlichen Namen Poquelin zurückgemeldet und zusammen mit den Romanheldinnen Bovary und Desqueyroux in die Tasten gegriffen – die eine erdacht von Gustave Flaubert, die andere von François Mauriac.

Und als wäre das nicht schon sensationell genug, stellte das Trio den Empfängern dann auch noch Freikarten fürs Kino in Aussicht. Als Weg zum Gratisvergnügen war ein Link ausgewiesen, der freilich – die nächste Überraschung – zu einer Website führte, die dem Thema Cybersicherheit gewidmet war. Anstatt: "Viel Spaß im Kino!" stand dort zu lesen, es sei ratsam, in einer E-Mail nicht einfach auf irgendwelche Links zu klicken.

Absender der Mail war in Wirklichkeit nämlich der Dienst für die Sicherheit von Informatiksystemen im Finanzministerium. Er wollte herausfinden, wie es um besagte Sicherheit bestellt ist. Nicht gut, lautet die Antwort. Mehr als 30 000 von insgesamt rund 145 000 angeschriebenen Beschäftigten des Ministeriums sowie ihm zuarbeitender Geschäftsstellen haben ungeachtet des fragwürdigen, den Adressaten allenfalls aus Literatur, Theater und Film bekannten Absenders auf den vermeintlichen Link zur Freikarte geklickt, was wesentlich Folgenschwereres hätte auslösen können als Aufklärung über die eigene Leichtfertigkeit. "Das ist viel", lautet die ernüchterte Bilanz des digitalen Sicherheitsdienstes.

Grund zur Freude herrscht immerhin in Frankreichs Lichtspieltheatern ob der Wertschätzung. Da mögen die Streaming-Dienste ihr Angebot noch so sehr ausweiten: Das Kino erfreut sich jedenfalls unter den Bediensteten des Wirtschafts- und Finanzministeriums großer Beliebtheit.