UNTERM STRICH: Schmeicheln unerwünscht!

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Di, 15. Januar 2019

Kolumnen (Sonstige)

Vietnam untersagt seinen Beamten, ihre Chefs zu loben / Von Michael Saurer.

Das mit der Wertschätzung am Arbeitsplatz ist so eine Sache. Laut einer Umfrage des Internetportals Monster.de werden nur elf Prozent der Deutschen regelmäßig für ihre Arbeit gelobt. Und fast die Hälfte der Arbeitnehmer vernimmt sogar nie ein paar nette Worte vom Chef oder aus dem Kollegenkreis.

Nicht gefragt hat das Portal mit dem gruseligen Namen, wie viele Chefs mal aus dem Kreis der Untergebenen gelobt werden. Klar, das macht man auch nicht. Der Chef wird ja gut bezahlt, hat Macht und Ansehen. Das sollte Lob genug sein, mögen manche denken. Und außerdem: Wer vor versammelter Runde ein lockeres "Chef, das war heute ja wieder eine brillante Idee von Ihnen" von sich gibt, steht schnell im Ruf, auf einer Schleimspur die Karriereleiter nach oben rutschen zu wollen. Zu Schulzeiten hätte das womöglich sogar Klassenkeile gegeben.

Soweit geht man in Vietnam nun nicht, und doch wird das Schmeicheln gegenüber den Chefs dort künftig sanktioniert. Wenn auch nur bei Regierungsbeamten. Wie die Deutsche Presseagentur unter Verweis auf Staatsmedien berichtet, sollten Angestellte im öffentlichen Dienst fortan keine Versuche mehr unternehmen, "das Herz des Chefs zu erobern", wie Premierminister Nguyen Xuan Phuc laut Agentur gesagt hat. Verstöße sollen disziplinarisch sanktioniert werden.

Offenbar will die Regierung damit die ausufernde Vetternwirtschaft im Land bekämpfen. Nur wann ein Kompliment überhaupt von solcher Tragkraft ist, dass es bestraft werden kann, geht aus dem knappen Statement des Premiers nicht hervor. Was ist etwa, wenn man dem Chef einen "Guten Morgen" wünscht? Ist schließlich auch eine nette Geste.

Und was ist mit "schönes neues Jahr"? Schließlich wird bald das vietnamesische Neujahrsfest gefeiert. Dann werden wieder Millionen Vietnamesen in die Tempel strömen, um Opfergaben für die Götter darzubringen. Bleibt zu hoffen, dass diese Art der Schmeichelei gegenüber höheren Sphären nicht auch noch bestraft wird.