UNTERM STRICH: Schnee als Gender-Falle

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 25. November 2016

Kolumnen (Sonstige)

Stockholm streitet über feministische Schneepolitik / Von André Anwar.

Genderfragen stehen in Schweden ganz oben auf der Agenda: Die Regierung führt eine "feministische Außenpolitik" und auch in Wahlergebnissen auf kommunaler Ebene schlägt sich das Thema nieder. So hat die neue Partei "Feministische Initiative" bei den Stockholmer Wahlen gut sieben Prozent errungen.

Da wollte die rot-grüne Stadtregierung nicht hintanstehen und entdeckte den Schnee. Genauer: den Schnee aus Gender-Perspektive. Denn laut einer Erhebung nutzen Stockholmerinnen eher Bürgersteige, Fahrräder und den öffentlichen Nahverkehr, die Männer der Stadt fahren dagegen eher Auto. Bei der Schneeräumung wurden bislang stets zuerst die Straßen geräumt. "Diese Schneeräumungsordnung bevorzugt Männer", schloss der grüne Verkehrsstadtrat Daniel Hellden und ordnete an, wichtige Bürgersteige, Fahrrad- und Nahverkehrswege vor den Autospuren zu räumen.

Dann kam der Schnee Anfang November. Ungewöhnlich früh und heftig. Der stärkste Schneefall seit über hundert Jahren sorgte an einem Tag für 40 Zentimeter Neuschnee. Hier und da konnte man geräumte Bürgersteige und Bushaltestellen betreten. Doch dann ging es nicht weiter. Der Busverkehr wurde eingestellt. Wegen der ungeräumten Straßen. Es funktionierte nichts mehr. Auch viele Gehwege waren nicht geräumt. Die Krankenhäuser füllten sich mit Menschen, die gestürzt waren. Ein Kommentator stellte in der Zeitung DN verärgert fest, dass vor allem Frauen, darunter auch die eigene, zu den Opfern der neuen Schneepolitik zählen. "Hunderte von Menschen, vor allem ältere Frauen, liegen nun mit Brüchen in Krankenhäusern. Die Ältesten müssen vielleicht den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen", schreibt er.

Was genau zu dem Schneechaos führte, ist auch für Stadtrat Hellden unklar. Ein Krisenbericht soll das nun klären. Die Schneeräumer waren anscheinend verwirrt. Zwar arbeiteten sie ununterbrochen. Doch die Koordination fehlte. Hellden gelobte Besserung.