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15. April 2017

UNTERM STRICH: Vom Streben nach Glück

In Tadschikistan schickte die Regierung Polizisten ins Theater / Von Heidi Ossenberg.

Zu den Erziehersätzen, die ich als Jugendliche am liebsten überhört hätte, gehörte dieser: "Manchmal muss man Euch eben zu Eurem Glück zwingen!" Mein Vater sagte das schon mal, wenn wir Töchter so gar keine Lust zu einer Unternehmung hatten, die er uns, nun sagen wir: eindringlich vorschlug. Woher wollte mein Vater wissen, was mein Glück war? Und was für ein Glück sollte das überhaupt sein, wenn es sich allenfalls durch einen Zwang einzustellen bereit war?

Lese ich nun eine dpa-Meldung, in der von Polizisten und Soldaten in Tadschikistan berichtet wird, die auf Anordnung des Innenministeriums einmal im Monat ins Theater müssen, um "ihr geistiges und moralisches Niveau zu steigern", dann kommt mir der Satz wieder ins Gedächtnis. Mit der Milde meines Alters – und vielleicht auch ein klein wenig als Kulturredakteurin – bin ich spontan versucht zu sagen: Ach kommt, soooo unrecht hat der Innenminister gar nicht; es kann doch wahrlich Schlimmeres geben, als ins Theater zu gehen – oder?

Ja, ins Theater gehen zu müssen.

Im Ernst: Hinter dem Innenminister von Tadschikistan steht garantiert Präsident Emomali Rachmon. Dieser autoritäre, auf Lebenszeit "gewählte" Landesvater hat, auch das vermeldete einst die Nachrichtenagentur, eine Schwäche für Vorschläge, zu denen keiner Nein sagen darf, der unbehelligt leben möchte: So ließ er 2012 in der Hauptstadt Duschanbe die größte Bibliothek Zentralasiens bauen – um dann die Bevölkerung zu verdonnern, gefälligst die Regale mit Büchern aus dem eigenen Bestand zu füllen. Journalisten überdies droht eine hohe Geldstrafe, wenn sie ihre Texte nicht so verfassen, dass Rachmon überzeugt ist, dass sie von allen verstanden werden!

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Das Streben nach individuellem Glück ist in Tadschikistan eine heikle Angelegenheit. Die Bevölkerung scheint nicht erwachsen werden zu dürfen – während mein Vater sich irgendwann achselzuckend abwandte, wenn seine Tochter partout seine Vorschläge in den Wind schlug.

Autor: hoss