UNTERM STRICH: Wenn andere mehr Freunde haben

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

Sa, 23. September 2017

Kolumnen (Sonstige)

Eine amerikanische Studie entlarvt einen Trugschluss / Von Karl-Heinz Fesenmeier.

Eigentlich macht das, worum es jetzt geht, echt traurig. Aber es gehört halt auch zum Leben. Es geht um ein Gefühl, das vermutlich jeder schon mal erlebt hat: Man verliert sich irgendwo, in einem Café, auf einem Flughafen, in einem großen Raum mit lauter fremden Menschen um einen herum. Einsamkeit steigt auf, das Gefühl von Alleinsein. Die Gedanken schlendern auf irgendeinem Boulevard der gebrochenen Träume vor sich hin. (Auweia, gleich werden wir selber depressiv.) Aber man ist nicht der einzige Einsame, denn da sitzt noch einer und dort auch. Wenigstens das.

Doch plötzlich kommt Bewegung auf, steigt der Geräuschpegel – aber nicht bei einem selbst, sondern natürlich immer nur bei anderen. Freunde kommen, Bekannte vielleicht nur, aber die Begrüßung ist stürmisch, sie lachen, umarmen sich, klatschen sich ab, machen blöde Witze. Hey, Alter, was geht? Und schon fühlt man sich wieder erbärmlich, ist wieder allein, alleiner, am alleinsten. Das Tragische besteht nun darin, dass dieses Gefühl, bei Licht betrachtet und auch im Dunkeln, oftmals total täuscht. Das hat jetzt eine Studie der Harvard Business School ergeben. 48 Prozent der befragten 1000 Studenten glauben nämlich, dass andere mehr Freunde haben sie selber.

Doch wenn schon Tragik, dann richtig. In einer zweiten Untersuchung haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass die Fehleinschätzung über die soziale Verwobenheit der anderen das eigene Wohlbefinden beeinträchtigt. Allein die Vermutung, dass andere mehr Freunde haben als man selber, reicht, um unglücklich und unzufrieden zu sein. Wie furchtbar! Aber so isses, erklärt Studienautorin Ashley Whillans. Was hilft? Vielleicht mal einen anderen Blick auf Einsamkeit werfen, etwa den von Oscar Wilde: Wenn du Einsamkeit nicht ertragen kannst, dann langweilst du vielleicht auch andere. Haha! Wollen wir das wirklich? Dann doch lieber allein sein. Und außerdem kann man dann Selbstgespräche führen – da fühlt man sich wenigstens verstanden.