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18. Juni 2012

UNTERM STRICH: Wertvolle Hinterlassenschaften

Die Krematorien stehen vor heiklen Versuchungen / Von Karl-Heinz Fesenmeier.

Solange wir leben, denken wir nicht daran, dass wir eines Tages wieder zu Staub werden. Dazu werden wir aber im Krematorium. Doch was uns dort erwartet, ist schon ziemlich irritierend. Zunehmender Wohlstand und medizinischer Fortschritt nämlich stellen die Krematorien vor neue Herausforderungen, die mancherorts gar als Verlockungen empfunden werden.

So bleibt zwar der sterbliche Teil des Menschen in Form von Asche immer der gleiche, die unsterblichen Teile hingegen nehmen zu: Goldzähne, Implantate, Gelenke aus Edelmetall. Dank der Krise an den Finanzmärkten sind die Preise für solche Stoffe derart gestiegen, dass den Krematorien daraus ein lukratives Nebengeschäft erwachsen ist.

Ehrenhalber muss man aber sagen, dass die meisten städtischen Krematorien, wie eine landesweite dpa-Umfrage ergeben hat, eher sensibel mit dem Thema umgehen. So werden die Angehörigen gefragt, ob das Zahngold in der Urne bleiben soll oder ob es "separiert und verwertet" werden dürfe, wie es eine Sprecherin der Stadt Karlsruhe im unverkennbaren Bemühen, ebenso einfühlsam wie amtssprachlich korrekt zu sein, ausdrückte. Diese Frage stellt sich allerdings nicht bei größeren Titanplatten oder künstlichen Gelenken, weil sie zu groß und sperrig sind, um in der Urne Platz zu haben.

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In immer mehr Krematorien jedenfalls avanciert der Edelmetallabscheider zum Standardinventar. Die Erlöse aus dem Verkauf an die Wertstoffhändler – in Karlsruhe zum Beispiel betragen sie etwa 90 000 Euro im Jahr – gehen an soziale Einrichtungen, in den Hospizdienst oder die Trauerbegleitung. In Albstadt auf der Schwäbischen Alb hat nun das dortige Rechnungsprüfungsamt der Stadt empfohlen, mit den wertvollen Hinterlassenschaften den Haushalt aufzufrischen. Dass man von den Schwaben das Sparen lernen kann, ist zwar bekannt. Aber dass man nicht alles von ihnen lernen muss, auch. In Südbaden gibt es, soweit uns bekannt, solch unedle Überlegungen nicht.

Autor: fs