UNTERM STRICH: Wie die Alchemisten

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 19. Mai 2018

Kolumnen (Sonstige)

Wissenschaftler sind mal wieder auf der Suche nach der Hitformel / Von Alexander Dick.

Um Mozart geht es hier nicht, auch wenn das schade ist. Und auch wenn es ziemlich gut zu unserem Thema passte: Die Wissenschaft und der Hit. Die Wissenschaft schrieb vor Jahren in Person des Nicht-Musikwissenschaftlers Wolfgang Hildesheimer über einen echten Mozart-Hit – "Eine kleine Nachtmusik": "Dass die Spatzen es von den Dächern pfeifen, ändert nichts an der hohen Qualität dieses Gelegenheitsstückes ..." Hört, hört.

Heute sind die Spatzen dank Charts, Youtube & Co praktisch arbeitslos geworden. Somit stürzt sich die Wissenschaft auf diese, immer noch auf der Suche nach der Hitformel. Das erinnert ein wenig an jene Zeiten, als Alchemisten auf der Suche nach der Formel für künstliches Gold waren – und doch nur zu unbefriedigenden Ergebnissen gelangten. Die "Alchemisten" – das sind konkret Mathematiker – der University of California in Irvine (UCI), meinen, der Hitformel ein Stück näher gekommen zu sein. Erfolgreiche Songs zeichneten sich, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, "demnach durch Heiterkeit, Fröhlichkeit und Party-Tauglichkeit" aus. Analysiert wurden mehr als 500 000 Songs aus Großbritannien zwischen 1985 und 2015, nicht nur im Hinblick auf Chart-Platzierungen, sondern auch auf Timbre, Tonalität, Tanzbarkeit und Stimmung. Und natürlich das Geschlecht der Interpreten respektive der Interpretinnen. Gute Nachrichten für genderbesorgte Freiburger Gemeinderätinnen: Letztere sind laut UCI auf dem Vormarsch, jedenfalls jenseits des Rocks.

Trotzdem bleibt die Sache problematisch. Weil der fröhliche, schwungvolle, tanzbare und weibliche Song nicht automatisch zum Hit prädestiniert ist. Und weil, zweitens, eine Zunahme an mehr traurigen Songs in den vergangenen 30 Jahren beobachtet werden konnte. Übrigens: Klassik und Jazz haben’s potenziell schwerer. Komisch, dass Verdis Gefangenen-Chor-Hit aus "Nabucco" einst von halb Italien gesungen wurde. Und komisch auch das mit der Kleinen Nachtmusik. Aber – das waren ja die Spatzen.