Glosse

Wie Twitter ein spanisches Dorf gegründet hat

Reiner Wandler

Von Reiner Wandler

Di, 15. Mai 2018 um 15:46 Uhr

Kolumnen (Sonstige)

Sant Esteve de les Roures ist der Traum von so manchem Spanier. Beeindruckend – denn das Dorf gibt es erst seit kurzem und auch nur digital.

Diese Geschichte beginnt mit einem Rückblick: So fand am 1. Oktober vergangenen Jahres, dem Tag des von Madrid untersagten Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien, ein regelrechter Ausbruch der Gewalt statt. Auch wenn weltweit nur Bilder von Polizisten, die auf friedliche Wähler einknüppelten, zu sehen waren, trug die paramilitärische spanische Guardia Civil 315 mutmaßliche Fälle von Gewalt seitens des Wahlvolkes zusammen. Das Dossier landete nicht nur beim Ermittlungsrichter in Madrid, sondern auch bei der konservativ-sensationalistischen Tageszeitung El Mundo. "Einige der aggressivsten Zwischenfälle ereigneten sich in Sant Esteve de les Roures", berichtete das Blatt kürzlich. Schockierend. Ja – hätte das Ganze nicht einen kleinen Schönheitsfehler. Nämlich: Sant Esteve de les Roures gibt es gar nicht.

Twitter hebt den Ort aus der Taufe

Oder besser gesagt, gab es nicht. Denn nur wenige Tage nach besagtem Artikel meldete sich auf Twitter unter @st_esteveroures das Rathaus des Ortes zu Wort: "Wir waren von den neuen Technologien nie besonders angetan, aber aufgrund der jüngsten Gerüchte über die Inexistenz unseres geliebten Dorfes sehen wir uns gezwungen, uns in Sachen sozialer Netzwerke auf den neuesten Stand zu bringen." 500 Tweets später folgen der Gemeindeverwaltung knapp 30.000 Leser und informieren sich dort über öffentliche Ausschreibungen oder Kulturveranstaltungen in Sant Esteve. "Ich möchte in Sant Esteve de les Roures wohnen, denn dort gibt es alles", schreibt einer.

Über 80 Konten öffentlicher und privater Einrichtungen aus dem Ort sind mittlerweile bei Twitter aktiv. Sant Esteve verfügt demnach über ein weitläufiges U-Bahn-Netz; die Privatwirtschaft boomt, es gibt Polizei, Guardia Civil, Staatsanwaltschaft und eine Feuerwehr. Das Dorf ist ein gern empfohlenes Ziel für einen Wochenendausflug. All dies freilich nur im Internet. Bis heute übrigens haben weder die Guardia Civil oder die Tageszeitung El Mundo sich zu den erfundenen Vorfällen am 1. Oktober geäußert.